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Die Schweinebucht, das trostlose Tauchparadies Kubas

Die Schweinebucht. Der Ort, an dem die USA eine ihrer schmerzlichsten Niederlagen kassiert haben. Dort, wo der Kalte Krieg zu eskalieren drohte. Und wo Fidel Castro seinen wohl größten Triumph feiern konnte. Die Schweinebucht hat einen festen Platz in allen Geschichtsbüchern dieser Welt. Doch in Wirklichkeit ist es einer der trostlosesten Orte Kubas. Wäre da nicht die Unterwasserwelt…

Die meterhohen Propagandatafeln rund um die Schweinebucht lassen keine Zweifel aufkommen, wo man sich befindet: Dort, wo der Sozialismus siegte. In Playa Girón, wie die Kubaner den Ort nennen. Im April 1961 hatten die USA unter Präsident Kennedy versucht, in Kuba einzumarschieren, um das Castro-Regime zu stürzen. Getarnt als eine vom Geheimdienst CIA finanzierte und gesteuerte Invasion von 1.300 Exilkubanern. Fidel Castro hatte von den Plänen Wind bekommen und war vorbereitet. 

So stolz der Sieg ausgekostet wurde, so runtergekommen präsentiert sich die historische Stätte heute. Der Lonely Planet schreibt treffend: „Die Ansiedlung von Playa Girón kann nur als kleines Kaff bezeichnet werden.“

Wir laufen zweimal den Strandabschnitt ab, weil wir nicht glauben können, dass das alles sein soll. Die Bucht mit dem weißen Sand ist durch hässliche Wellenbrecher rund 30 Meter im Wasser verunstaltet worden. Kein Wunder, dass sich da kein Urlauber an den Strand legen möchte. Einst hatten sie hier offenbar eine groß angelegte Ferienanlage hochgezogen – heute ist das nur noch eine Geisterstadt. Selbst das einzige Hotel ist mit trist noch wohlwollend umschrieben.

Playa Girón wird in Reiseführern gerne als Taucherparadies beschrieben. Wenn man bedenkt, dass Tauchen auch noch die große Leidenschaft Fidel Castros war, ist es umso unverständlicher, dass dieser Ort so deprimierend vor sich hinvegetiert. Bezeichnenderweise heißt das erste Boot eines mutmaßlich ehemaligen Bootsverleihers (dessen Gelände man nicht betreten darf) „El Suizida“, zu deutsch Selbstmord.

Der Versuch, mit einem Museum an die „erste Niederlage des US-Imperialismus in Amerika“ zu erinnern, passt in das Bild: Was die Kubaner Museum nennen, ist nicht mehr als eine Art langgezogener Flur, in dem blasse Schaukästen mit vergilbten Fotos und verblichenen Zeitungsartikeln an die Invasion der „Yankees“ erinnern, wie es da immer heisst. Scheinbar wahllos sind in der Mitte noch ein paar militärische Waffen in den Raum gestellt. Am meisten her machen zwei Panzer und ein Flugzeug der kubanischen Luftwaffe aus dem Jahr 1961, die als Blickfang vor das „Museum“ platziert wurden.

Auch die Casa Particular, in der wir untergekommen sind, kann uns nicht aufheitern: Das einzige Zimmer, das die Familie vermietet, ist deren einzige Einnahmequelle. Es ist winzig klein und dunkel. Sobald wir uns draußen aufhalten, kommt Pablo, das Familienoberhaupt, angerannt und versucht uns aufdringlich alles mögliche aufzuschwätzen: ein Glas Saft, ein Sandwich, etwas Obst? Alles zu Preisen, für die ein kubanischer Lehrer mehrere Tage unterrichten müsste.

In der Casa Pablo in Playa Giron wird wirklich alles abgerechnet...

In der Casa Pablo in Playa Giron wird wirklich alles abgerechnet…

Wir fühlen uns nicht sonderlich wohl in dieser Umgebung. Restaurant, Kneipe oder Geschäft gibt es in Playa Girón nicht (wenn man mal von dem Auto absieht, auf dessen Motorhaube Schuhe zum Verkauf angeboten werden). Internet auch nicht. Hilft alles nichts. An der Tauchbasis gibt man uns den Tipp, abends zu Luis essen zu gehen. Er sei der beste Koch weit und breit. Da er kein Restaurant hat, müssen wir mittags vorbei gehen und die Bestellung aufgeben. Wir können wählen zwischen Fisch, Schwein und Hühnchen. Der Preis doppelt so teuer wie sonst üblich. Aber das sei es wert, verraten uns Taucher, die schon seit fünf Jahren hier ihren Jahresurlaub verbringen.

Als wir vom Essen bestellen in unsere Casa zurückkehren, erwartet uns bereits Pablo. Er wurde von Luis per Telefon informiert, dass wir „auswärts“ essen. Pablo lässt uns wissen, wie enttäuscht er ist, dass wir uns nicht von ihm bekochen lassen („Bei mir kostet es nur die Hälfte und ist genauso gut“).

Um es vorwegzunehmen: Das Essen bei Luis ist vorzüglich, die Portionen gigantisch. Als wir tags drauf aus Mitleid bei Pablo essen, ist das Fleisch fettig und zäh, Beilage gibt es quasi nicht. Dabei rühmt er ununterbrochen seine Kochkünste (er hat sich extra einen Grill ausgeliehen, um das Fleisch darauf brutzeln zu können).

Aber wir sind ja zum Tauchen hier. Ein Abenteuer, das wird gleich klar. Treffpunkt ist um 8.30 Uhr an der Tauchbasis (ebenso trostlos wie der gesamte Ort), die an besagtes einziges Hotel angegliedert ist. Rund 20 Taucher sind erschienen. So nüchtern wie hier wurden wir noch nie zum Tauchen abgefertigt: Alle anstellen und das Geld („nur bar“) abliefern. Ein Tauchgang kostet 25 CUC, was wirklich günstig ist. Tauchschein oder ärztliche Bescheinigung will keiner sehen („Ich glaube Euch“). Auch wieviele Tauchgänge man bereits absolviert hat, interessiert nicht. Flossen und kurzer Neoprenanzug werden nach Pi-mal-Daumen-Methode („Das passt schon!“) auf die Theke geknallt.

Und dann geht’s auch schon los. Wohin? Keiner sagt’s. In zwei Gruppen werden wir in alte Mannschaftsbusse verfrachtet und dann zum Tauchplatz gekarrt: El Tange, rund 30 Minuten von Playa Girón entfernt. Gerade am Tauchplatz angekommen, taucht dort plötzlich unser Vermieter Pablo auf und erzählt, dass er auch Tauchlehrer sei, sie ihn aber nicht beschäftigen wollen. Scary, der Typ.

Ohne Briefing geht’s ins Wasser. Der Guide vorneweg, zehn Taucher hinterher. Dennoch ist der Tauchgang entspannt, das Tempo gemächlich. Das kristallblaue, klare Wasser ist sehr flach, irrsinnig gute Sicht, ein bunter Korallengarten in 3-4 Metern Tiefe. Entsprechend leicht zu betauchen. Wir tauchen bis zu einem Wrack, das in ca. 15 Metern Tiefe liegt. Alles ganz nett, nicht außergewöhnlich. Aufgrund der geringen Tiefe verbrauchen wir kaum Luft. Doch der Guide will den Tauchgang nach gut 40 Minuten beenden. Ein paar Minuten können wir noch rausschlagen, indem wir uns bewusst zurückfallen lassen, doch dann drängt er uns dazu, mit der Gruppe aufzutauchen.

Zu meinem großen Erstaunen will außer mir nur noch eine Engländerin einen zweiten Tauchgang absolvieren. Die Zeit an Land reicht gerade, um hinter einem Busch zu verschwinden (banjo naturales) und die Batterie der GoPro zu wechseln, schon springen wir (mit dem Guide zu Dritt) an gleicher Stelle wieder ins Wasser.

Diesmal ist es noch entspannter, da keine Anfänger dabei sind. Der Guide gibt sich erneut keine Mühe, irgendetwas unter Wasser für uns zu entdecken, macht aber nix. Am Spektakulärsten ist sicherlich ein ca. 1 Meter großer Lobster, der sich hinter einem Vorsprung versteckt. Am Ende des Tauchgangs geraten wir an ein paar Quallen, die den Guide ordentlich am blanken Schädel erwischen. Auch deshalb drängt er schon nach rund 45 Minuten aufzutauchen. Die Engländerin und ich hatten uns jedoch vorher schon darauf verständigt, das geflissentlich zu ignorieren.

Umso schneller müssen wir danach auf den Bus aufspringen, um zurück zur Tauchbasis zu fahren. Auch hier will niemand wissen, wie wir den Tauchgang fanden, ob wir morgen wieder kommen. Stempel für den Logbucheintrag gibt es auch nur auf mehrfache Nachfrage. Sozialismus hat gesiegt…


Weitere Tauchberichte unserer Reise findet Ihr hier.

Nächste Station: Viñales

Vorherige Station: Cienfuegos

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