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Dunkle Gestalten, Erdbeben und Kindermumien in Salta

Noch etwas verkatert von der Nachtbusfahrt, nahmen wir in der gut erhaltenen Kolonialstadt Salta im Nordwesten Argentiniens die Seilbahn auf den Berg San Bernardo. Es gab keine Schlange, direkt vor uns waren jedoch zwei argentinisch aussehende, junge Männer, die mir schon beim Gang zu den Seilbahn-Kabinen irgendwie nicht in die Szenerie zu passen schienen. Ich kann objektiv nicht sagen warum, nennen wir es einfach Bauchgefühl. Die beiden nahmen die Kabine vor uns, und als ich sie oben auf dem Berg Fotos machen sah, vergaß ich sie neben den anderen Leuten, die dort herumliefen, beinahe wieder. 

Nachdem wir eine Weile auf dem Berg herumgewandert waren und ausreichend Fotos gemacht hatten, beschlossen wir, zu Fuß hinunterzugehen. Kaum waren wir allerdings auf den etwas abgelegenen Wanderweg ins Tal abgebogen, waren die beiden Männer wieder hinter uns. Ich gebot Dominik kurz stehenzubleiben, damit sie an uns vorbeigehen konnten. Sie passierten uns, blieben dann aber fünf Meter später ebenfalls stehen und gaben vor, Fotos zu machen. An dieser Stelle wurde uns der einsame Wanderweg doch etwas zu heikel, also kehrten wir um. Als wir zurückgingen, konnten wir aus den Augenwinkeln beobachten, wie die beiden anderen ebenfalls kehrt machten. Wir ließen uns dann im Touristenlokal auf dem Berg zum Mittagessen nieder und fuhren erst später mit der Seilbahn hinunter. Unter war zwar von den beiden Männern nichts mehr zu sehen, aber unser mulmiges Gefühl blieb…

Erdbeben und Social Media

Am nächsten Morgen in Salta, wir hatten gerade gefrühstückt und waren nochmal kurz ins Hotelzimmer, als plötzlich der Boden bebte. Aus Hamburg kenne ich ein ähnliches Wackeln, wenn die U-Bahn in den Colonnaden beim Mittagessen direkt unter einem durchfährt. Deshalb dachte ich im ersten Moment: da fährt ein schwerer Lasten auf der nahegelegenen Straße. Das Wackeln hielt jedoch an, wurde stärker, Schranktüren und Tisch zitterten merklich. Für Dominik, der aus dem Bad kommend im Türrahmen stehenblieb, war sofort klar, dass es sich um ein Erdbeben handelte. Noch bevor wir uns überlegen konnten, ob wir gehen oder bleiben sollten, war nach etwa 30 Sekunden alles vorbei.

Wir vergaßen das Erdbeben schnell wieder, doch als wir uns später bei Facebook einloggten, wurden wir begrüßt mit:

„Überprüfung des Sicherheitsstatus: Argentina Earthquake (Salta Province) – Sie befinden sich in einem Erdbebengebiet. Möchten Sie Ihren Status als in Sicherheit markieren?“ 

Darunter eine Karte mit dem betroffenen Gebiet und der Stärke des Erdbebens. Als ich mich als in Sicherheit markiert hatte, zeigte Facebook mir außerdem, wie viele meiner Freunde (Dominik) sich außerdem in diesem Gebiet befanden und welchen Sicherheitsstatus sie hatten. Nach einem finalen OK postete Facebook meinen Sicherheitsstatus als Statusmeldung in meiner Chronik.

Man kann darüber streiten, ob die Funktion der nächste Schritt in Richtung totale Überwachung oder eine hilfreiche Information für Freunde und Familie ist. Wir fanden die Statusüberprüfung praktisch, nicht nur, weil unser Umfeld informiert war, sondern auch, weil wir selbst neue Informationen erhalten hatten.

Das Erdbeben hatte übrigens eine Stärke von 5,9 und hat mindestens ein Todesopfer gefordert.

Grausige Funde in den Anden

Tags drauf machten wir einen Ausflug in die Weinstadt Cafayate. Die bunt-bergige Landschaft, die wir auf dem Weg passierten, war beeindruckend, die Weinprobe bei Nannis Ökoweingut delikat und das Mittagessen auf dem beschaulich-touristischen Platz von Cafayate mit unserem letzten argentinischen Steak auch nicht zu verachten.

Auf der Rückfahrt erzählte unser Guide Paolo von einer grausamen Tradition des Inka-Volkes, das in diesem Teil Südamerikas vom 13. bis ins 16 Jahrhundert herrschte: der Capacocha. Das Gebiet der Inka bestand aus mehreren Regionen. Um die Gottheiten milde zu stimmen, forderten die Inka-Herrscher ihre Getreuen – möglicherweise bei wichtigen Ereignissen oder zur Vermeidung von Naturkatastrophen – regelmäßig auf, aus ihren Gebieten, die reinsten und schönsten Kinder zu opfern. Diese wurde dann zu einem zentralen Fest in Cucso gebracht, bei dem sie verheiratet und umhergezeigt wurden.

Die formelle Hochzeit diente dazu, die Bande zwischen einzelnen Regionen und Familien für die Lebenden zu festigen. Nach dem mehrtägigen rituellen Fest wurden die Kinder wieder in ihre Dörfer gebracht, geschmückt und mit Grabbeigaben reichlich beschenkt. Danach brachte man alle auf den für die Inka heiligen Berg Llullaillaco. Dort wurden sie betrunken gemacht und, sobald sie eingeschlafen waren, samt der Beigaben, lebendig begraben.

1999 fanden Forscher auf dem Gipfel des 6739 Meter hohen Vulkans Llullaillaco drei 500 Jahre alte Kindermumien: einen etwa siebenjährigen Jungen, ein sechs und ein 15 Jahres altes Mädchen. Aufgrund der Kälte und der trockenen Luft waren die Mumien sehr gut erhalten, auch wenn das jüngere Mädchen im Laufe der Zeit von einem Blitz getroffen worden und dadurch zum Teil entstellt war. Die drei Mumien wurden geborgen, untersucht und werden bis heute in dem eigens dafür gebauten archäologischen Museum MAAM: Museum of High Altitude Archaeology von Salta abwechselnd ausgestellt.

Paolo riet uns dringend, die Mumien anzusehen, und so ließen wir uns nach der zwölfstündigen Wein- und Andentour direkt vorm Museum aussetzen. Mit gemischten Gefühlen gingen wir in die Ausstellung: wollten wir wirklich die konservierten, kleinen Kinderkörper, die dieser grausamen und lieblosen Tradition zum Opfer gefallen waren, sehen?

Die Ausstellung führte uns behutsam an die gerade ausgestellte Mumie des Jungen heran, zeigte Grabbeigaben, kleine Figuren, Kleidung, Spielzeug, Miniatur-Lamas und erklärte die Bedeutung des Rituals. Im letzten Raum wurden zunächst lebensgroße Fotos der Kinder gezeigt, sie wurden zusammenkauernd aus der Erde geborgen. Schon diese Fotos anzusehen, fühlte sich merkwürdig an.

Schließlich kamen wir zum allerletzten Schaukasten, einer Röhre, in der Junge fast wie ein Embryo zusammengekauert saß, klein, zerbrechlich und irgendwie unecht, stellten sich uns die Nackenhaare ob der Grausamkeit dieses sonst so beeindruckenden Volkes auf. Im Zwielicht des Raumes studierten wir den Kinderkörper eine Weile, bis wir froh waren, aus dieser Schauergeschichte zurück ans Tageslicht kehren zu können.

Ob es aus ethischer Sicht vertretbar ist, Mumien auszustellen oder ob damit etwa die Totenruhe gestört wird, ist umstritten. Kritisch hinzu kommt in diesem Fall sicher, dass es sich um Kinder handelt. Eindrucksvoll, wenn auch auf eine sehr unheimliche Art, war die Ausstellung für uns dennoch. Zumal wir auf unserer Reise durch Südamerika sicher noch mehr über das Reich der Inka erfahren werden.

Ein Kommentar zu “Dunkle Gestalten, Erdbeben und Kindermumien in Salta

  1. Isabel

    Wir fanden die Mumien in Peru auch unheimlich – insbesondere weil sie langsam zu zerfallen drohen und somit noch gruseliger aussehen. Aber spannend ist es doch und man freut sich gleich ein paar Jahrhunderte später zu leben 😉

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