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Lalibela und der umgekehrte Rassismus

Die meisten Besucher bleiben nur einen Tag in Lalibela und schauen sich die elf wundersamen Felsenkirchen an. Wir bleiben länger, machen uns auf den ruckeligen Weg zur legendären Kirche Yemrehana Krestos, besuchen ein Restaurant, das wie ein Ufo aus der Landschaft wächst, haben ein unerwartetes „Candle Light Dinner“ und werden beim Wandern verfolgt. 

Yemrehana Krestos

Am Tag nach unserem Besuch der Felsenkirchen von Lalibela teilen wir uns mit Anna und Sebsatian einen schrottigen Minibus zur 42 km entfernten Kirche Yemrehana Krestos. Der Bus kostet für uns vier 1.400 Birr (56 Euro), eine ordentliche Stange Geld mal wieder, gerade wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Äthiopier ca. 25 US-$ im Monat verdient. Aber Lalibela ist eben etwas teurer…

Die Fahrt nach Yemrehanna Krestos zieht sich.

Die Fahrt nach Yemrehana Krestos zieht sich.

Gut 1,5 Stunden ruckeln wir über die holprigen Pisten. Der Eintritt für die Kirche beträgt weitere 300 Birr (12 Euro) pro Person. Den Weg hoch zu Yemrehana Krestos werden wir von Kindern begleitet, die unser Guide sein oder uns selbstgeschnitzte Holzfiguren verkaufen möchten, am besten beides.

Die Kirche ist in eine tiefe Grotte hineingebaut. Sie wird von einer häßlichen Mauer neueren Datums abgeschirmt. Ein dünner Wasserfall, unter dem sich einige Männer duschen, stürzt den Felsen hinab. Als wir die Grotte betreten, müssen wir die Schuhe ausziehen, wie in allen äthiopischen Kirchen.

Von Außen zieren jede Menge Kreuzfenster die Kirche. Jedes davon ist anders: lateinische Kreuze, Malteserkreuze, Lilienkreuze usw. Innen finden sich gut erhaltene Malereien und Muster. Ganz hinten in der Grotte liegen stapelweise mumifizierte Körper einfach so rum.

Mumifizierte Körper in der Grotte von Yemrehanna Krestos

Mumifizierte Körper in der Grotte von Yemrehana Krestos

Nach einem kleinen Spaziergang machen wir uns auf den Weg zurück ins Tal zum Auto. Die einheimischen Kinder finden, es sei jetzt wirklich an der Zeit, uns etwas zu verkaufen. Dafür haben sie auch Englisch geübt. Die Gespräche laufen in etwa so:

Schritt 1: Kontaktaufnahme

Kind: Hello Mister

Wir: Hello

 

Schritt 2: vertrauensbildende Maßnahmen

Kind: Did you like the church???

Wir: Yes, the church was very beautiful

 

Schritt 3: die Falle schnappt zu

Kind: Would you like to buy my self-made wooden cow?!

wir: …

Dieses Gespräch führen wir während des kurzen Abstiegs so um die zehnmal. Als uns zwei Frauen passieren, die lebendige Hühner dabei haben, dreht Anna sich panisch weg: Vogelphobie. Kann man nichts machen. Wir warten bis alle Frauen mit Hühnern vorbei sind.

In Äthiopien sehen wir ständig Leute, die Hühner auf diese Weise tragen. Die arme Anna kann den Anblick kaum ertragen.

In Äthiopien sehen wir ständig Leute, die Hühner auf diese Weise tragen. Anna kann den Anblick kaum ertragen.

Auf der Rückfahrt gibt unser Fahrer richtig Gas und überholt alle anderen Autos, die nicht genug Vorsprung haben. Normalerweise braucht man für die Strecke zwei Stunden. Wir schaffen es in anderthalb.

Lohnt sich Yemrehana Krestos?

Für den Besuch von Yemrehana Krestos solltet ihr etwa einen halben Tag einplanen. Das Ganze kostet für zwei Personen gut 50 Euro. Eine ganze Menge, wie wir finden. Deswegen fragt man sich natürlich: lohnt sich das?

Die Frage muss letztlich jeder für sich beantworten, und wir sind auch keine Experten, was außergewöhnliche Kirchen angeht. Und außergewöhnlich ist Yemrehana Krestos in jedem Fall. Trotzdem waren wir von der Kirche an sich etwas enttäuscht, wobei es bei Yemrehana Krestos vermutlich mehr um die versteckte Lage im Felsen und die Abgeschiedenheit der Kirche geht. Allerdings haben wir auf der Fahrt dorthin viel von Land und Leuten gesehen.

Wer es also mag, sich außerhalb der touristischen Kerngebiete zu bewegen, für den lohnt sich der Ausflug sicher. Für Fans von ungewöhnlichen Kirchen ebenfalls. Alle anderen werden vermutlich etwas enttäuscht sein…

Ben Abeba

In Lalibela lassen wir uns beim Restaurant „Ben Abeba“ absetzen. Es liegt auf einer Hügelspitze und sticht durch seine außergewöhnliche, fast surrealistisch anmutende Architektur hervor. Hier durften sich Architekturstudenten so richtig austoben. Plus: Das Essen ist wirklich gut, und es gibt den grandiosen äthiopischen Kaffee.

Bei dem spektakulären Blick über die weite, grüne Landschaft halten wir es hier eine Weile aus. Janie, eine Holländerin, die seit 15 Jahren nach Äthiopien kommt, meint, sie habe das Land noch sie so grün gesehen. Es war eine gute Regensaison in diesem Jahr.

Dialog im Dunkeln

Den restlichen Nachmittag verbringen wir im Büro von Ethiopian Airlines, um unsere Weiterreise zu organisieren. Als der Strom ausfällt und wir sowieso nichts mehr buchen können, gönnen wir uns ein Tuktuk, das hier gar nicht Tuktuk heißt, für 20 Birr (80 Cent) ins Hotel. Abends treffen wir uns mit der Holländerin Janie, dem Portugiesen Ricardo sowie Anna und Sebsatian in der Sora Lodge zum Essen. Auch hier gibt es normalerweise einen weiten Blick, Adler kreisen und man kann den Sonnenuntergang genießen. Nicht so heute. Heute ist Gewitter im Anmarsch. Der Himmel zieht sich zu.

Blick von der Terrasse der Sora Lodge

Nachdem wir unser Essen bestellt haben, blitzt es in weiter Ferne. Ein großes Schauspiel. Wir sind die einzigen Gäste im Restaurant. Kurz bevor das Essen kommt, fällt der Strom aus, was in Äthiopien aber überall ständig vorkommt. Draußen ist es inzwischen stockdunkel. Es werden Kerzen aufgestellt, was, mit den Blitzen im Hintergrund, eine einmalig gemütliche Atmosphäre schafft.

Stromausfall im Restaurant der Sora Lodge in Lalibela

My Name is not Money

Am nächsten Nachmittag treffen wir uns wieder mit Anna und Sebastian bei deren Unterkunft, die am Rande von Lalibela auf einem Hügel liegt, um abseits der ausgetretenen Pfade wandern zu gehen. Wir steigen also den Hügel hinunter ins Tal. Überall verteilt stehen die so typischen kleinen Lehmhütten mit den Wellblechdächern und aus all diesen Hütten kommen Kinder gerannt und Frauen laden uns zu Kaffeezeremonien ein.

Gegen Bares, versteht sich, denn die Einnahmequellen sind hier sehr beschränkt. Unsere Anwesenheit spricht sich schnell rum und bald hat sich ein erwartungsvolles Dutzend Kinder um uns gesammelt. „Hello mister!“ rufen sie uns in ihrer eigenen lebendigen Fröhlichkeit entgegen. Und dann „You have money?“. Strahlende Gesichter. „Moneymoneymoneymoney???!“ Sie sind so niedlich und verbreiten mit ihrer kapitalistischen Ausgelassenheit so gute Laune, dass es schwer fällt, sie einfach zu ignorieren, zumal sie uns verfolgen.

Wir fühlen uns wie die Rattenfänger von Hameln als wir aus dem Dorf über einen schmalen Pfad durch die Teff-Felder streifen. Teff ist ein Hirsegewächs und dient zur Herstellung von Injera, einem Sauerteigfladen, der in Ähtiopien DAS Grundnahrungsmittel schlechthin ist. An einer unsichtbaren Grenze bleibt die kleine Meute zurück, winkend, uns immer noch fest im Blick behaltend. Vielleicht kommen die Ferenjis ja zurück? Auf den Feldern sehen wir die Menschen bei der Arbeit. Ein unheimlich grünes Tal breitet sich vor uns aus, durchtrennt nur von einem kleinen Bach, der Lebensader der Menschen. Hier wird das Wasser zum Trinken und Kochen geschöpft, und hier wird auch die Wäsche gewaschen, um dann auf Steinen und Büschen liegend in der starken äthiopischen Hochlandsonne zu trocknen. Als wir schließlich umdrehen und zurück gehen, gerät unser kleiner Mob bald in freudige Aufregung. Jetzt gibt’s sicher „money“. Doch ihre Erwartungen, Anna nennt das „umgekehrten Rassismus“, werden wieder enttäuscht.

Eine kleine Horde Kinder begleitet uns beim Wandern in Lalibela

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