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Leben in Kuba: Tourismus oder Armut

Kuba ist der Grund, weshalb wir auf unserer Weltreise nach Westen (linksherum) reisen. Denn wir wollten möglichst schnell Kuba erleben, bevor das Land, das nur 80 Kilometer von der Küste Floridas entfernt liegt, nach Aufhebung der politischen und wirtschaftlichen Sanktionen von Amerikanern vereinnahmt wird. Und so haben wir Land und Leute erlebt.

Parallele Währungen: CUP vs. CUC

Bereits in den vergangenen Jahren hat sich Kuba verändert hat. Jeder Kubaner versucht, im Tourismus Fuß zu fassen, denn nur so kann er wirklich Geld verdienen. Es beginnt bereits damit, dass Kuba zwei offizielle Währungen hat. Die Landsleute werden in Kubanischen Pesos (CUP) bezahlt, die Touristen müssen in Pesos Convertible (CUC) bezahlen. Der CUC ist im Verhältnis 1:1 an den US-Dollar gekoppelt. 1 CUC entspricht dabei immer 25 CUP.

Einkommensgefälle auf Kuba

Außerhalb der Tourismusbranche kann ein Kubaner maximal 50 CUC (also 50 US-Dollar) im Monat verdienen. Ärzte fallen in diese Kategorie. Ein Polizist bekommt 40 CUC, ein Lehrer 20 CUC im Monat. Kubaner, die ein Zimmer ihrer Privatwohnung an Touristen vermieten (Casa Particulares), verlangen dafür im Durchschnitt 25 bis 35 CUC pro Nacht. Also mehr als ein Lehrer im ganzen Monat erhält. „Meine Eltern wollten, dass ich studiere und Anwalt werde. Doch warum sollte ich? Da verdiene ich nichts“, erzählt uns Luis, der in Playa Giron (besser bekannt als Schweinebucht, wo während der Kuba-Krise 1961 die US-Invasion kläglich scheiterte) eine Art Pension mit acht Gästezimmern betreibt, die dauernd ausgebucht sind.

Casa Particulares

Seit 1997 dürfen Kubaner ihre Zimmer an Touristen vermieten. Sie müssen dafür monatlich eine Lizenzgebühr (Luis bspw. 100 CUC, bei vier Zimmern zu 50 CUC pro Nacht) entrichten und die Einnahmen versteuern. Anfangs bedeutete das Übernachten in den „Casas Particulares“, die man an einem blau-weißen Schild an der Hauswand erkennt, noch Familienanschluss, ähnlich wie bei den Bed & Breakfasts in England. Doch die Zeiten sind längst vorbei. Das Geschäft brummt. Wer ein großes Haus hat, vermietet mehrere Zimmer und bietet Frühstück (3 bis 6 CUC pro Person) und Abendessen (7 bis 12 CUC) an. Zeit (und vielleicht auch Lust), sich gemütlich dazu zu setzen, hat da keiner mehr.

Wir übernachten in unseren 16 Tagen auf Kuba ausnahmslos in Casas – und sind nie enttäuscht. Jedes Zimmer hat einen Kühlschrank und ein eigenes Bad. Die Betten sind immer frisch bezogen und die Besitzer auch gerne zu einem Plausch bereit – jedenfalls sofern man Spanisch kann, denn Englisch sprechen nur die allerwenigsten.

Bildungselite fährt Taxi

Auf einer fünfstündigen Taxifahrt von der Schweinebucht nach Viñales, erzählt uns der Fahrer Daniel ganz offen seine Lebensgeschichte, die so typisch ist: Er war Sportlehrer, liebte seinen Beruf und würde ihn am liebsten heute noch ausüben. Doch er verdiente nur 16 CUC im Monat. Vor fünf Jahren sattelte er um: Er kaufte sich zunächst ein völlig kaputtes Auto aus den 1950er Jahren. Ein Jahr lang schraubte und bastelte er an dem Wagen rum, bis dieser wieder wie frisch aus dem Oldtimer-Museum aussah. Ein Geschäftspartner steuerte zum Schluss einen Motor bei, und sie verkauften das Auto dann gemeinsam für 20.000 CUC. Sein Startkapital für’s eigene Taxi. Er kaufte erneut ein altes Auto, päppelte es alleine auf und bekam eine Taxilizenz.

Seitdem fährt er Touristen in einem rot-weißen 1952er Ford. Sein ganzer Stolz, das merkt man bei jeder Gelegenheit, wenn er über das Auto spricht. Auch wenn die Scheibenwischer nicht funktionieren und die Fensterscheibe hinten rechts mehrere Risse hat („Ich bekomme einfach keine neue Scheibe.“).

Für die Fahrt zahlen wir ihm (zusammen mit einem anderen Pärchen) 140 CUC. Also neunmal so viel wie er früher im ganzen Monat verdiente. Doch was bleibt davon bei ihm hängen? „Zunächst einmal muss ich die Frau in der Touristen-Information bezahlen, dass sie mich angerufen hat und nicht einen anderen Fahrer. Dann schluckt das Auto viel Sprit – etwa 60 CUC für diese Fahrt“, rechnet er vor, in rudimentärem Englisch, das er sich durch Gespräche mit Touristen selbst beigebracht hat. Und weiter geht’s mit den Abzügen: 20 CUC müsse er für die Taxilizenz (speziell für Touristen-Transporte) pro Tag bezahlen – unabhängig davon, ob er Kunden habe oder nicht.

Und dann die ganzen Ersatzteile, die er illegal aus den USA bekommt. („Alle paar Monate kommt eine Amerikanerin und bringt mit, was sie für mich besorgen konnte“). Er kennt die Preise für jedes noch seine kleine Teil an seinem Armaturenbrett: 18 CUC für den Radioknopf, 16 CUC für eine kleine Belüftungsklappe, 20 CUC für den Aschenbecher. Die durchsichtige Kunststofffolie über der Rücksitzbank habe 150 CUC gekostet.

Häuserpreise explodieren

Ist sein Leben heute besser als vor fünf Jahren, als er noch Lehrer war? „Ja schon. Aber noch lange nicht gut.“ Er berichtet von den täglichen Ärgernissen: „Ich würde meinen Kindern gerne jeden Tag Milch auf den Tisch stellen können. Aber oft gibt es über Tage keine zu kaufen.“ Daniel hat sich in Jagüey Grande ein Haus gebaut – einer Stadt, in die sich keine Touristen verirren. Schlecht für’s Einkommen, denn Zimmer kann er dort keine vermieten. Umziehen in eine Touristen-Stadt kommt für ihn nicht in Frage. Zum einen ist er in Jagüey Grande aufgewachsen, zum anderen seien woanders Häuser mittlerweile unerschwinglich. Ausländer hätten in den vergangenen Jahren viele Immobilien gekauft, um sie dann zimmerweise zu vermieten. „Vor zwei Jahren kostete ein Haus noch 25.000 CUC, heute 100.000. Und in Strandnähe gar 300.000“, klagt er.

Noch immer offline

Dabei ist er schon privilegiert: Er hat sogar ein iPhone, was es selbstverständlich in Kuba nicht zu kaufen gibt. Es ist ein iPhone 3 – ein sieben Jahre altes Modell, das eine Kundin ihm als „Trinkgeld“ geschenkt hat. Doch mobil ist Daniel damit noch lange nicht. Denn Internet ist in Kuba so schwer zu bekommen wie in Deutschland Oldtimer auf den 1950er Jahren.

Öffentliche Telefone sind gefragt, da nur wenige ein Handy besitzen.

Öffentliche Telefone sind gefragt, da nur wenige ein Handy besitzen.

Privatpersonen dürfen noch immer keinen Internetanschluss haben. Nur in wenigen Städten, Touristen-Hochburgen wie Havanna, Trinidad oder Viñales, gibt es neuerdings Internetzugang auch für Kubaner. Allerdings nur draußen, auf öffentlichen Plätzen, meist auf dem Marktplatz oder in ausgewählten Straßen. Leicht zu erkennen an den Menschentrauben mit Laptops, Tablets oder Smartphones. Um online gehen zu können benötigt man eine Internetkarte. Eine Stunde kostet bei der staatlichen Empresa de Telefomunicaciones de Cuba 2 CUC. Maximal 3 Karten (= 3 Stunden) dürfen auf einmal gekauft werden. Man kann sich allerdings beliebig oft in die Schlange stellen. Für „normale“ Kubaner kostet das Internet also ein Vermögen.

Viele haben aber auch hier wieder eine Geschäftsidee entdeckt: Denn um eine Internetkarte zu kaufen, muss man meist 45 Minuten anstehen. Beim Kauf werden zu jeder Karte die Daten des Reisepasses erfasst – und das dauert in Kuba… Kubaner haben Zeit, also stellen sie sich an, kaufen 3 Karten zu je 2 CUC und verkaufen sie an Touristen, die sich nicht anstellen wollen, für je 3 CUC.

Einkaufen und Essen

Auch wenn die Propagandatafeln vorgeben, der Sozialismus habe gesiegt, in den wenigen Supermärkten, die es gibt, zeigt sich das Gegenteil: Die meisten Regale sind leer. In Trinidad und selbst in Havanna können wir über Tage noch nicht mal stilles Mineralwasser kaufen. Coca-Cola und andere US-Produkte sind weiterhin verboten (werden aber in ausländischen Cafés oder Bars durchaus angeboten – importiert aus Mexiko).

Das Essenangebot ist mehr als übersichtlich: Fisch, Huhn oder Schwein mit Bohnen und Reis. Wahlweise auch Reis und Bohnen mit Fisch, Huhn oder Schwein. Manchmal gibt es ein paar Scheiben Salatgurke oder Tomate dazu, aber die kann man nicht essen, weil die Gefahr einer Magen-Darm-Infektion für unsere westlichen Mägen zu hoch ist. Wir haben es ausprobiert. Es stimmt. Rindfleisch gibt es nicht. Kubanern ist es selbst untersagt, eine Kuh zu schlachten – angeblich steht darauf eine mehrjährige Haftstrafe.

Überhaupt: Da selbst kleine Diebstähle (vor allem an Touristen) mit langen Haftstrafen sanktioniert werden, gibt es de facto keine Kriminalität dieser Art. Wahrscheinlich ist Kuba dadurch das sicherste Reiseland der Welt.

Und bestimmt auch das mit der am besten erhaltenen kolonialen Bausubstanz. Zwar sind, vor allem in Havanna, die meisten Häuser total runtergekommen, ca. 50% sind gar einsturzgefährdet. Doch sie werden seit einigen Jahren dank der Einnahmen aus dem Tourismus aufwändig restauriert. In der Altstadt Havannas sind bereits rund ein Viertel wieder tiptop hergerichtet und an jeder Ecke stehen Gerüste.

Amerikaner undercover

Und obwohl US-Amerikaner offiziell nicht ins Land reisen dürfen (mit Ausnahmegenehmigung ist höchstens eine organisierte Gruppenreise möglich) treffen wir erstaunlich viele US-Bürger, die kurioserweise ihren Trip mit den Worten begründen: „Wir wollen Kuba noch erleben, bevor die Amis kommen.“ Sie alle sind illegal im Land. Die meisten sind nach Mexiko gereist, haben dann dort einen Flug nach Havanna gebucht.

Kuba selbst ist für US-Touristen sehr wohl gerüstet: Amerikaner bekommen ihre Ausreisestempel nicht in den Reisepass, sondern auf einem extra Blatt Papier, damit sie bei er Einreise in die USA keine Probleme bekommen. Nur die Geldversorgung in Kuba bleibt für die US-Bürger problematisch: Auf US-Dollar gibt es beim Wechseln einen Strafzoll von 10%, amerikanische Kreditkarten funktionieren nicht. Also wechseln sie vor der Reise das gesamte Dollar-Reisebudget in Euro und müssen dann mit ihrem Euro-Bargeld auskommen.

Die Straße als Wohnzimmer

Von Autos über Essen bis hin zum fehlenden Internet: Kuba ist wahrlich eine Zeitreise ins vergangene Jahrhundert. Das Leben spielt sich auf der Straße ab: Selbst in Havanna steht bei jedem zweiten Haus die Tür offen. Man trifft sich auf dem Bürgersteig zum Plaudern, Spielen oder Haare schneiden. Alle paar Minuten kommt einer vorbei, um was zu verkaufen: Mal Zwiebeln, mal Brot, mal Obst. Auch in den Fenstern der Häuser selbst gibt es unzählige kleine Verkaufsstände, die oft nur wenige Waren (meist Essen) zum Verkauf anbieten. Bezahlt wird hier in CUP.

Außer auf den Hauptstraßen tuckert nur ab und zu ein Straßenkreuzer vorbei (angeblich besitzen gerade mal 3% der Kubaner ein eigenes Auto). Wir werden natürlich sofort als Touristen erkannt, auch dauernd angesprochen, allerdings stets freundlich und mit einem breiten Lächeln. Nur ganz selten haben wir das Gefühl, dass es darum geht, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wir erleben die Menschen in Kuba als die bislang freundlichste, lebensfrohsten auf dieser Reise.

The future is unwritten.

The future is unwritten.

 

Unsere Reiseberichte in Kuba findet Ihr hier.

Vorherige Station: Cancun (Mexiko)

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