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Tangkoko: Affen verzweifelt gesucht

Das direkt am Meer liegende Dschungelschutzgebiet Tangkoko Duasaudara in Nord-Sulawesi ist das Gegenteil vom Manuel-Antonio-Nationalpark in Costa Rica. Dort ist es zwar proppevoll, aber in dem kleinen Park in Mittelamerika gibt es jede Menge Tiere zu sehen, wenn auch oft nur durch ein Fernglas. Nicht so im Tangkoko – hier müssen wir uns die Tiere schwer erarbeiten…

Das geht schon damit los, dass unsere Tour um 6 Uhr morgens losgeht. Und das, wo wir doch ausgewiesene Langschläfer sind. Aber was tut man nicht alles? Und unsere Unterkunft ist so gut, uns zumindest schon ein kleines Frühstück zuzubereiten. Für einen schnellen Kaffee reicht die Zeit gerade noch. So bin ich schonmal halbwegs auf Betriebstemperatur. Mit dem Auto fahren wir die sehr kurze, ruckelige Strecke zum Parkeingang. Wir kaufen die Tickets, sprühen uns nochmal mit Moskitoschutz ein, stecken die Hosen fest in die Socken und machen uns auf den Weg.

Auf in den Dschungel

Anfangs schlendern wir noch den breiten Weg entlang, dann schlagen wir uns freestyle in den Busch. Unser Guide Ono hat ein ordentliches Tempo drauf. Holla die Waldfee, denke ich, und hechte ihm hinterher. Bei den langen Klamotten, den Rucksäcken, der hohen Luftfeuchtigkeit und den steigenden Temperaturen, wird die Expedition schon früh ganz schön schweißtreibend.

Unser Weg führt uns mitten durch den Dschungel

Nach einer Stunde stehen Dani, Dominik und ich buchstäblich mitten im Wald, während Ono sich mal kurz abgesetzt hat, um die weitere Gegend nach Schopfmakaken abzusuchen. Wir stehen also vollkommen alleine im tiefsten Dschungel. Weit und breit kein Weg. Wenn der Guide jetzt nicht wiederkommt, kann es Stunden dauern, bis wir zurück zum Weg finden. Da hilft auch meine Lieblingsapp maps.me nicht. Aber Ono kommt zurück, leider ohne eine Spur von der Affengruppe. So stapfen wir in eine andere Richtung. Und haben, ein paar Fliegen vielleicht ausgenommen, immer noch keine Tiere gesehen, was nicht gerade stimmungshebend ist.

Plötzlich bleibt Ono stehen: er hat etwas entdeckt. Affen. EINEN einzigen Affen. Von der Herde verstoßen? Na, besser als nichts. Und immerhin ist der Geselle Schopfmakake nicht schüchtern und lässt sich in Ruhe von uns ablichten. Das nimmt etwas den fotografischen Druck heraus und belohnt uns für das Schleppen der schweren Kameras.

Mission Nashornvogel

Unsere nächste Mission gilt einer anderen Spezies: dem Nashornvogel. Der hat gerade Nachwuchs bekommen und kann deshalb regelmäßig beim Füttern der gierigen Jungtiere beobachtet werden. Tangkoko hat übrigens mit 51 Vögeln pro Quadratkilometer die größte Nashornvogeldichte der Welt!

Im Eiltempo machen wir uns auf dem Weg zum Nest. Unterwegs hören wir ein ganz merkwürdiges Geräusch. Ein Geräusch, das keiner von uns Dreien jemals zuvor gehört hat. Es klingt als würde ein prähistorischer Flugsaurier über uns kreisen. „That’s the hornbill!“, ruft Ono. Echt? Was für ein schwerer Flügelschlag! Wie groß ist bitte dieser Hornbill??? Leider ist der Dschungel so dicht, dass wir noch nichts von ihm sehen.

Kuskus? Kann man das essen?

Dafür sehen wir einen Kuskus. Der gehört zu den Kletterbeutlern und kann nur östlich der Wallace-Linie gesichtet werden. Der Bärenkuskus, den wir hoch in den Baumwipfeln sehen, ist endemisch in Sulawesi, d.h. es gibt ihn nur hier bzw. auch auf einigen vorgelagerten Inseln. Da seine Hauptnahrungsquelle schwer verdauliche Blätter sind, hat er sich, ähnlich wie das Faultier oder der Koalabär eine sehr energiesparende Lebensweise angewöhnt. Er bewegt sich also seeeeeehr langsam. Aber so können wir ihn wenigstens in Ruhe beobachten…

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Bärenkuskus im Tangkoko Dschungelschutzgebiet

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Warten auf die Rabeneltern

Nach einer Weile setzen wir unseren Weg zum Nashornvogelnest fort. Am Nest angekommen heißt es warten. Eine Stunde. Jetzt muss der Vogel ja bald kommen. Und tatsächlich hören wir bald wieder den unverwechselbaren Flügelschlag. Doch schon entfernt er sich wieder. Nachdem wir zwei Stunden auf riesigen Bananenblättern auf einem Baumstamm sitzend gebannt auf das verwaiste Nest starren, ist von den Nashornvogeleltern (Rabeneltern…) immer noch keine Spur. Unser Guide Ono meint leichthin, dass es dann wohl heute nur eine Nachmittagsfütterung für die Kleinen gebe und zuckt mit den Schultern. Schließlich treten wir den Rückweg an. Mittlerweile sind wir seit acht (!) Stunden im Wald! 30 Minuten später hören wir ihn wieder. Und diesmal können wir sogar einen Blick erhaschen, als das Tier sich freundlicherweise kurz auf einem Ast niederlässt.

Endlich - ein Nashornvogel im Baumwipfel

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Ono reißt Dani aufgeregt die Kompaktkamera aus der Hand und rennt zu der Lücke in den Bäumen, von der aus man den Vogel am besten sehen kann. Unserem Guide scheint es eine ganz persönliche Mission zu sein, dass jeder von uns ein Foto bekommt. Aber von Dani mit der in Indonesien so bewunderten hellen Haut und den blonden Haaren ist er besonders hingerissen.

Auf dem Rückweg zum Auto sehen wir noch das ein oder andere kleine Tier.

Wir schauen noch am schwarzen Strand und bei einem Forschungszentrum vorbei. Hier gab es mal ein gemeinsames Projekt mit der Uni Göttingen. Eine Wissenschaftlerin verrät uns, dass eine größere Affengruppe in 1 km Entfernung gesichtet wurde.

Das Tangkoko Dschungelschutzgebiet liegt direkt an der Celebesee.

Das Tangkoko Dschungelschutzgebiet liegt direkt an der Celebesee.

Wir ringen mit uns, sind aber zu platt, um den Affen weiter hinterherzusteigen, zumal sich die Gruppe in der entgegengesetzten Richtung des Autos aufhalten und wir um 16:30 Uhr schon wieder die nächste Wanderung zur Dämmerung gebucht haben! Man gönnt sich ja sonst nichts. Der Magen hängt uns inzwischen auch in den Knien. Wir sind schließlich keine 20 mehr 🙂

Gegen 15 Uhr sind wir zurück in der Unterkunft, schlingen das Mittagessen herunter, springen unter die Dusche und sinken für einen Powernap aufs Bett nieder. Und schon erinnert uns der Wecker an die Abendwanderung. Diesmal wollen wir einen winzigen Sulawesi-Koboldmaki beim Aufwachen überraschen. Dieser Koboldmaki ist der kleinste Primat der Welt.

Schopfmakaken Teil 2: jetzt aber wirklich

Aber zuerst gibt es noch etwas zu erledigen: wir haben schließlich erst EINEN Schopfmakaken gesehen. Das kann unser Guide so nicht auf sich sitzen lassen. Normalerweise bewegen sich die Affen in Gruppen von bis zu 60 Tieren durch den Park. Und tatsächlich, diesmal finden wir recht schnell, wohl Dank der Tipps von anderen Guides, eine Gruppe, die zum Teil auf dem Boden sitzt. Auf einen Affen kommen hier allerdings drei Touristen. Irgendwas ist ja immer. Trotzdem ist es faszinierend, diese intelligenten Primaten aus der Nähe zu beobachten.

Heuschrecken Beine brechen

Dann wird es Zeit für den Höhepunkt der Tour: das Erwachen der Koboldmaki-Familie. Die Adresse, d.h. der Standort des Wohnbaums dieser winzigen Tiere, ist glücklicherweise bekannt. Unterwegs fängt unser Guide geschickt noch ein paar Heuschrecken. Sie sollen als Köder dienen.

Als Köder für die Koboldmaki fängt Ono eigenhändig einige fette Heuschrecken.

Als Köder für die Koboldmaki fängt Ono eigenhändig einige fette Heuschrecken.

Menschen, die auf Bäume starren

Damit sie nicht weghüpfen, reißt er ihnen kurzerhand ein Bein aus und steckt sie sich in die Tasche. Als die Dämmerung einsetzt, erreichen wir den Wohnbaum. Den haben auch schon 20 andere Hobbytierbeobachter gefunden, die sich dichtgedrängt vor die Baumöffnung, aus der die Koboldmakis für gewöhnlich kommen, positionieren. Die Guides rauchen derweil gemütlich eine Zigarette. Alle Männer, die wir auf Sulawesi treffen, rauchen.

Wie im Zoo: die Touristen scharen sich gespannt um den "Wohnbaum" der Koboldmakis. Die Kameras sind gezückt.

Wie im Zoo: die Touristen scharen sich gespannt um den „Wohnbaum“ der Koboldmakis. Die Kameras sind gezückt.

Ich habe heute leider kein Foto für dich

Als der entscheidende Moment kurz bevorsteht, werden die Köder-Heuschrecken dekorativ platziert. 20 Augenpaare starren gebannt auf die misshandelten Insekten. Dann, plötzlich, huscht ein kleiner Schatten von rechts oben aus dem Baumloch zur Heuschrecke links unten und ist, bevor die 20 Kameras auch nur halbwegs gescheit zoomen könnten, schon wieder zurück in die Ecke gerast (hüpfen trifft es einfach nicht). Das ist wohl der kleinste, schnellste Affe, den ich je gesehen habe.

Der arme, kleine Koboldmaki wird jeden Tag beim Aufwachen von Touristen belästigt.

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Das Schauspiel wiederholt sich noch ein paar Mal und die Guides geben wirklich ihr bestes, damit die lahmen Kameras den schnellen Koboldmaki eingefangen bekommen, was ein heilloses Unterfangen ist. Keinem gelingt es, ein Foto zu schießen! Wir bleiben noch eine Weile stehen und starren die dreiköpfige Koboldmaki-Familie in der dunklen Baumhöhle konzentriert an.

Blumen lassen sich wenigstens gut fotografieren.

Blumen lassen sich wenigstens gut fotografieren.

Im Regen-Wald

Gerade als wir uns auf den Rückweg machen, ruft unser Guide: „Put your rain suits on!“ Und schon plattert es ohne Vorwarnung kräftig von oben auf das dichte Blätterdach. Hektisch stecken wir uns selbst und unsere Rucksäcke in Regenschutz, pfropfen unsere Stirnlampen wieder auf und laufen durch den finsteren Dschungel. Als wir den Weg erreichen, kommt der Regen schon ungehemmt bei uns an, und wir richten unsere ganze Aufmerksamkeit darauf, nicht in die Pfützen zu treten, was meist gelingt. Dabei entdecken wir eine Kokosschlange, die sich unelegant um eine viel zu kleine Pflanze rankt.

Schließlich kommen wir wieder beim Auto an und, nach einem Abendessen, zu dem es, wie zu jeder Mahlzeit hier, kleine ganze Fische mit halbgeöffnetem Maul gibt, die nur Dani isst, fallen wir nach diesem langen, langen Tag und insgesamt 13 Stunden Wandern im Tangkoko affenmüde ins Bett.

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