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Viñales: im Tal des Tabaks

Was uns am besten von den Tagen in Viñales in Erinnerung geblieben ist, sind die unglaublich grünen Landschaften des Tales. Daneben die vielen Casas, Restaurants und Touristenbusse. Aber auch die überaus kubanische An- und Abreise in die bzw. aus der kleinen Stadt. 

Von Playa Girón nach Viñales

Schon die Fahrt von Playa Girón nach Viñales ist ein kleines Abenteuer. Es gibt keine direkte Bus-Verbindung. Deshalb fährt uns zunächst der etwas prolletige Sohn unseres nicht weniger prolletigen Casa-Papas in seinem kleinen aufgemotzten Auto für eine recht ansehnliche Summe zu einer Autobahnraststätte, von der ein Bus gehen soll.

An diesem Treffpunkt sollen wir in den Bus steigen. Mehr Infos haben wir nicht.

An diesem Treffpunkt sollen wir in den Bus steigen. Mehr Infos haben wir nicht.

Unterwegs werden wir an einer Kontrollstelle von der Polizei angehalten, die natürlich mit einem Blick sieht, dass hier unerlaubte Personenbeförderung betrieben wird – Taxilizenzen sind teuer. Die Kontrolle dauert etwa eine Viertelstunde. Wir und unser Gepäck werden kurz begutachtet, dann aber nicht weiter behelligt. Dafür unser Fahrer umso intensiver. Zwei Beamte widmen sich ihm mit ungeteilter Aufmerksamkeit, funken irgendwas durch, gehen in ihr kleines Wachhäuschen, das noch aus der Zeit stammt, als Kubaner im eigenen Land das Reisen untersagt war. Schlussendlich bekommt Paulo wohl ein Ticket, wir fragen ihn schüchtern danach, verstehen die Antwort aber leider nicht – Sprachbarriere. Offenbar ein Knöllchen über 20 CUC (umgerechnet etwa 18,50 Euro).

Knöllchen wegen nicht vorhandener Taxi-Lizenz

Knöllchen wegen nicht vorhandener Taxi-Lizenz

Gestrandet an der Autobahnraststätte

Als wir dennoch rechtzeitig an der besagten Autobahnraststätte ankommen, weiß niemand etwas von einem Direktbus nach Viñales, allerdings sind außer uns zwei Niederländer ebenfalls dort gestrandet, die dasselbe Ziel und offenbar ebenfalls falsche Informationen haben. Aber Kubaner wären nicht Kubaner, wenn sie für dieses Problem nicht schnell eine Lösung wüssten. Für Transportprobleme auf Kuba heißt die Lösung meist „Taxi“. Also ruft die Dame von dem kleinen Reisebürotisch – Stand wäre zu viel gesagt – einen Taxifahrer, der allerdings aus einem etwas entfernten Nachbarort (50 Minuten entfernt) anrücken muss.

Der Treffpunkt: Eine Art Raststätte

Der Treffpunkt: eine Art Raststätte

Die Holländer, die von einem viel niedrigen Fahrpreis ausgegangen waren und nun etwas trotzig die Sache auszusitzen versuchen, tendieren dazu, zunächst mit dem Bus nach Havanna zu fahren, von dort nach Viñales. Diese marginal günstigere Alternative dauert allerdings zwei Stunden länger, plus es ist unklar, ob sie den Anschlussbus nach Viñales überhaupt erwischen, geschweige denn, ob noch Plätze frei sind. Freundlicherweise sagt die Reisebürofrau den Niederländern nicht Bescheid, als der Havanna-Bus da ist. „Sonst wäre das Taxi für euch viel zu teuer gewesen“, flüstert sie mir später doch tatsächlich ins Ohr. Nett die Kubaner und so praktisch veranlagt!

Fort mit dem Ford

Als der Taxifahrer dann auch noch mit seinem rot-weißen 1952er Ford vorfährt, sind die beiden anderen schnell überzeugt und der Ärger über den verpassten Havanna-Bus ist verflogen. Vor uns liegt nun eine fünfstündige Fahrt in einem waschechten Oldtimer! Was uns anfangs noch in Entzücken versetzt, wird nach etwa einer Stunde unbequem – der Sitzkomfort war eben doch ein anderer in den 1950ern 😉 Doch das Gespräch mit unserem Fahrer Daniel, der recht gut Englisch spricht, lenkt davon vollends ab. In der geschützten Atmosphäre seines Autos berichtet er uns offen über die Missstände seines Landes. Ausschnitte daraus könnt ihr in unserem Kuba-Überblicksartikel nachlesen.

Casas im Überfluss

In Viñales angekommen fährt Daniel uns zu unseren Casa-Empfehlungen, von denen aber die meisten bereits belegt sind. Daniel aber bleibt gedudig und fährt uns solange herum, bis wir alle vier versorgt sind. Hier in Viñales ist mindestens jedes zweite Haus eine Casa Particular, überall hängen die kleinen weißen Schilder mit dem ankerähnlichen blauen Zeichen an den Eingängen. Typisch für die Casas in Viñales sind die Veranden mit den Schaukelstühlen.

Unsere Casa in Viñales: pretty in pink

Unsere Casa in Viñales: pretty in pink

Unsere Casa ist pink und Perico und Dianelys, das Ehepaar, das dort lebt, vermietet genau ein Zimmer. Trotzdem scheint die Casa sich zu rentieren, denn Perico hat sich gerade ein nagelneues Motorrad geleistet. Das steht im Wohnzimmer. Wo sonst?

Das neue Motorrad steht stolz im Wohnzimmer.

Das neue Motorrad steht stolz im Wohnzimmer.

In Viñales flankieren außerdem jede Menge Transtur-Busse die Straßen. Trotzdem hat sich die kleine Stadt ihren ländlichen Charme bewahrt, plus eine lebendige Restaurant- und Barszene, durch die wir uns genüsslich Abend für Abend schlemmen.

Hier machen wir uns auch mal den „Spaß“, uns selbst Internetkarten in einer der offiziellen, staatlichen Verkaufsstellen zu kaufen. Dafür stehen wir in der Mittagshitze etwa 45 Minuten an und müssen beim Kauf der Karten unsere Pässe vorlegen, die sorgfältig registriert werden. Wir kaufen uns jeder die maximale Anzahl an Karten, also jeder drei, macht drei Stunden Internet. Das gibt es hier nur auf dem Hauptplatz vor der Kathedrale, wo wir uns dann geraume Zeit aufhalten 🙂

45 min Schlange stehen für Internetkarten

45 Minuten Schlange stehen für Internetkarten

Ausflug nach Pinar del Río

In der Umgebung kann man jede Menge Ausflüge und Wanderungen machen. Wir buchen eine Tour mit dem Taxi, das uns mit zwei anderen nach Pinar del Río fährt. Dort besuchen wir die staatliche Tabakfabrik, eine Spirituosenfabrik und das Naturkundemuseum. Pinar del Río (was „Kiefernwäldchen am Fluss“ heißt) hat 190.000 Einwohner und ist die Tabakhauptstadt Kubas. Ca. 80% der Gesamtproduktion des Landes stammt aus dieser Region.

Tabakfabrik

Da die Tabakfabrik „Fábrica de Tabacos Francisco Donatien“ die einzige staatliche Tabakfabrik ist, die man besuchen kann, ist der Andrang entsprechend groß und wir müssen eine Weile anstehen, bis wir hineingeschoben werden. Der Preis ist vergleichsweise happig: 5 CUC pro Person. Ein Lehrer verdient 20 CUC im Monat.

Tabakfabrik in Pinar del Rio

Schlangestehen vor der Tabakfabrik in Pinar del Rio

Die Besichtigung besteht aus einer kleinen Einführung von einer Mitarbeiterin, der wir auch Fragen stellen können. Danach geht es in die kleine Halle, in der ca. 35 Arbeiterinnen (es sind auch ein paar Männer dabei) sitzen und Zigarren fertigen. Fotos machen dürfen wir nicht. Größere Gruppen werden zügig durchgeschleust.

In der Halle macht jeder Arbeiter den kompletten Produktionsprozess vom Zusammenstellen und Rollen der Blätter, über das Pressen bis hin zum Umwickeln der fast fertigen Zigarre mit einem besonders edlen Blatt. Zwischendurch werden die Zigarren an gesonderter Stelle auf ihre Luftdurchlässigkeit/Dichte geprüft und müssen gegebenenfalls nochmal neu gewickelt werden. Nach einer neunmonatigen Ausbildung muss jeder Arbeiter pro Tag mindestens 120 Zigarren herstellen. Eine Zigarre kostet im Schnitt 10 CUC. Gutes Geld für den Staat also. Im an die Tabakfabrik angeschlossenen Shop kann man die Zigarren selbstverständlich erwerben. Wir kaufen eine für Anna, die uns in L.A., unserer nächsten Station nach Kuba, aufnehmen wird.

Likörfabrik

Nach der Zigarrenfabrik geht es mit dem Taxi zur Likörfabrik Guayabita, die uns eigentlich als Rumfabrik verkauft wurde. Hier sehen wir nicht viel mehr als eine Gruppe von Arbeitern, die um einen Tisch sitzt und Etiketten auf Flaschen klebt. Daneben läuft eine Art Füllmaschine. Auch hier also leider nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus dem gesamten Arbeitsprozess. Im Laden kann man alles mögliche kaufen und bekommt eine Probe von dem sehr süßen Schnaps.

Likörfabrik in Pinar del Rio

Eine Maschine füllt den Likör in die Flaschen.

Arbeiterinnen kleben händisch die Etiketten auf die gefüllten Flaschen.

Naturkundemuseum

Zum Schluss fahren wir noch ins Naturkundemuseum, das in einem prachtvollen neugotischen Bau beheimatet ist. „Ein ebenso irrsinniges wie prächtiges Herrenhaus, dessen Baustil neugotische, maurische, hinduistische und byzantinische Elemente aufweist“ (Lonely Planet). Die Ausstellung im Gebäude selbst ist – wie alles auf Kuba – wie aus den 1950er Jahren. Glasvitrinen mit dicht an dicht stehenden ausgestopften Tieren. Die Höhepunkte sind eine nachgestellte Fledermaushöhle im Keller und ein Dinosauriernachbau im Garten. Interessant ist es trotzdem und natürlich auch auf kubanische Weise sehr charmant. Wir sind die einzigen Besucher.

Danach nötigen wir den Taxifahrer noch zu einigen Sehenswürdigkeiten von Pinar del Rio, wie der rosafarbenen Kathedrale und einem prachtvollen Gebäude, in dem ständig Paare heiraten.

Balcón del Valle

Auf dem Rückweg nach Viñales lassen wir uns beim „Balcón de Valle“ raussetzen, von dem aus wir einen umwerfenden Blick über das Tal haben. Das Balcon de Valle ist ein Restaurant mit kubanischem Essen und noch recht günstigen Preisen. Wie so oft, sind fast alle Gäste deutsch. Neben einigen anderen Individualreisenden speist hier auch eine Studioso-Reisegruppe.

Balcon del Valle: Blick auf Viñales

Balcon del Valle: Blick auf Viñales

Balcon del Valle: Blick auf Viñales

Balcon del Valle: Blick auf Viñales

 

Balcon del Valle: Blick auf Viñales

Im Garten der Schwestern

Am letzten Tag in Viñales besuchen wir den „Jardin de Caridad“, einen kleinen botanischen Garten, der von zwei Schwestern vor etwa 100 Jahren aufgebaut wurde. Da beide inzwischen  verstorben sind, wird der Garten heute von deren Adoptivtochter geführt. Gegen ein kleines Trinkgeld werden wir herumgeführt und bekommen zum Schluss noch eine Kostprobe einiger Früchte, die dort wachsen.

An den Wänden des kleinen Häuschens, das zum Garten gehört, hängen Bilder von den Schwestern und Berichte über den Garten.

An den Wänden des kleinen Häuschens, das zum Garten gehört, hängen Bilder von den Schwestern und Berichte über den Garten.

Blumen im Jardin de Caridad in Viñales

Blumen im Jardin de Caridad in Viñales

Blumen im Jardin de Caridad in Viñales

Tabakplantage

Weiter die Straße runter kommen wir an einigen Tabakfeldern vorbei, schließlich an eine kleine Tabakfabrik, die die Blätter nach der Ernte verarbeitet, stapelt, verpackt und dann nach Pinar del Río schickt. Hier ist es nicht touristisch. Die Vorsteherin gibt uns aber freundlicherweise und gegen eine saftige „Gebühr“ eine kurze Führung.

Anschließend schlendern wir noch durch den Ort, abseits der Hauptstraße. Dort, wo der Nachbar auf seiner Veranda noch die Haare schneidet oder Fleisch verkauft, man sich zum Diskutieren auf der Straße trifft oder einfach gemütlich in seinem Schaukelstuhl vor sich hinschaukelt (natürlich mit kubanischer Zigarre in der Hand).

Am Ende von Viñales beginnt das Tal, das 1999 zum Weltnaturerbe der Unesco erklärt wurde. Familien ernten hier die Tabakpflanzen noch von Hand und hängen die Blätter zum Trocknen auf. Das alles in malerischer Kulisse: Umgeben von hohen Kiefern und spektakulären Felskegeln (Mogoten).

Zurück nach Havanna

Am nächsten Tag soll es mit dem Taxi zurück nach Havanna gehen. Das Taxi soll uns dabei von Tür zu Tür bringen und ist nur wenig teurer als der Bus, der in Havanna außerhalb des Zentrums hält. Super Sache, denken wir. Doch wie sich herausstellt, ist die Abfahrt aus Viñales ebenso schwierig wie die Anfahrt. Als unser Taxi kommt, sind wir zunächst positiv überrascht: schon wieder so ein schönes altes Auto! In nicht ganz so gutem Zustand, aber wie auch immer. Statt zwei Sitzreihen hat es drei, wobei es nur wenig größer ist als ein Zweireiher, was zu weniger Beinfreiheit führt. Als wir einsteigen, sitzen bereits vier weitere Personen im Auto plus Fahrer. Mit uns also sieben, geht ja noch. Koffer gehen auch gerade noch so rein.

Taxi mit drei Sitzreihen

Allerdings macht unser junger Fahrer Anstalten, noch jemanden einsammeln zu wollen. Leises Murren kommt im Gastraum auf, aber die eine rauchende Französin, die zusteigt ist schlank und kann sich noch in die erste Reihe quetschen. Auch der Rucksack geht nach ca. zehnminütigem Hin- und Herpacken noch in den Kofferraum.

Der Kofferraum ist gut gefüllt.

Das erste Gepäckstück muss allerdings auf die Hutablage bugsiert werden und ragt zwischen Dominik und seiner Sitznachbarin in den Gastraum. Geht gerade noch so. Der kubanische Fahrer ist selbstverständlich tiefenentspannt. Hier zwängt man ganz andere Gruppengrößen in so ein Vehikel. Als wir wieder anfahren, gehen wir fest davon aus, dass jetzt unsere Reise nach Havanna losgeht. Aber Fehlanzeige. Wir sammeln offenbar noch jemanden ein.

Genug ist genug

Aber nicht mit uns! Uns wurde eine komfortable Fahrt mit dem Taxi und zwei anderen Mitreisenden versprochen. Bisher sind wir nur eine Stunde durch Viñales gekurvt, auf der Suche nach immer noch mehr Mitfahrern. Dominik und ich steigen aus und streiken. Nicole, eine Deutsche, die wir eben einsammeln wollen, solidarisiert sich spontan mit uns, zumal es unmöglich scheint, noch eine weitere Person, geschweige denn, noch mehr Gepäck ins Auto zu bekommen. Die restlichen Mitreisenden sitzen die Sache aus und spekulieren offenbar darauf, dass wir anderweitig nach Havanna fahren und sie dann genug Platz im Auto haben werden. Währenddessen entbrennt vor der Casa von Nicole eine hitzige Debatte mit dem Taxifahrer, der Casa-Mama von Nicole und einem Radfahrer, der zufällig vorbeikam und als Übersetzer fungiert.

Die Casa-Mama kennt offenbar jemanden, der uns für 60 CUC nach Havanna fahren würde – also 5 CUC mehr pro Person. Nicole knickt ein, ist ihr doch daran gelegen, möglichst schnell wegzukommen. Das sieht Dominik natürlich nicht ein – ist ja schließlich nicht unser Fehler, dass der gierige Taxifahrer das Auto zu voll beladen hat! Der ist immerhin bereit, uns das Geld für die Fahrt zurückzugeben. Die Französin aus der ersten Reihe wird langsam nervös. Sie muss heute noch einen Flug bekommen. Die anderen, ein kanadisches Pärchen, das von dem Auto-Abenteuer geradezu begeistert ist, und zwei Frauen aus Dänemark sitzen die Sache weiterhin stoisch aus. Wir stänkern solange rum, bis der Fahrer schließlich einen Kollegen anruft, der uns zum selben Preis nach Havanna fährt. Klingt fair.

Wir lassen uns zur Sicherheit seine Telefonnummer und die des Kollegen geben und laden schließlich unser Gepäck wieder aus. Wir setzen uns also auf die Veranda von Nicoles Casa und plaudern ein bisschen, während wir auf unser „neues“ Taxi warten, das in 30 Minuten da sein soll. Nach einem sehr netten Gespräch und 60 Minuten Wartezeit rollt tatsächlich ein metallic-dunkelgrüner Oldtimer die kleine Straße hinauf. Nicole sitzt vorne, weil ihr oft schlecht wird beim Autofahren, und wir haben die ganze Rückbank für uns allein. Alles richtig gemacht.

Bester Laune im neuen Taxi nach Havanna: Nicole, Dominik und Claudia


Nächste Station: Havanna

Vorherige Station: Playa Giron/Schweinebucht

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