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Lalibela: das unbekannte Weltwunder

Jeder kennt die Pyramiden von Gyzeh, aber niemand die elf monolithischen Felsenkirchen von Lalibela im Herzen Äthiopiens. Dabei sind letztere mindestens genauso beeindruckend und einzigartig. Denn die Kirchen wurden nicht AUF, sondern IN den Felsen hinein gebaut! Sie gelten als Höhepunkt einer jeden historischen Äthiopienreise.

Killed or Captured

An unserem ersten Abend in Lalibela essen wir im Hotelrestaurant. Dort treffen wir auf Kathryn (USA), Paul (England), Lisa und Konrad (Wien). Wir kommen schnell ins Gespräch, und es wird ein beschwingter Abend, bis Kathryn uns fragt, ob sie uns ein Bier ausgeben darf. Sie möchte auf ihren verstorbenen Freund trinken, der heute seinen 32. Geburtstag gefeiert hätte. Dominik traut sich zu fragen, wie er ums Leben gekommen ist.

Kathryn erzählt, dass sie beide für den diplomatischen Dienst der USA tätig gewesen seien und zusammen nach Kabul gehen wollten. Sie hatte in Afrika, wo sie vorher tätig war, noch eine Tour machen wollen, während er schon vorgeflogen sei. Abends sei er in einem Restaurant verabredet gewesen, das als sicher eingestuft wurde. Aber was ist schon sicher in Kabul?

Es gab einen Taliban-Anschlag. Als es passierte, war sie gerade für 48 Stunden auf Safari und nicht erreichbar. Bei ihrer Rückkehr hatte sie 16 Anrufe von der Botschaft auf ihrem Handy. Sie wusste sofort, er war entweder „killed or captured“ (tot oder entführt). Während sie die Nummer der Botschaft wählte, schickte sie ein Stoßgebet zum Himmel „captured, captured, captured“.

Alexander starb im Alter von 29 Jahren. Er hätte eine große Karriere vor sich gehabt, sagt sie. Ihm zum Gedenken haben sie eine Stiftung gegründet, die die nächsten 40 Jahre lang jedes Jahr einem Studenten aus dem mittleren Osten ein Studium in London finanzieren sollte. In diesem Jahr hatte der erste seinen Abschluss gemacht, erzählte Kathryn stolz. Ihre Geschichte berührte uns sehr. Er war die Liebe ihres Lebens.

Die Felsenkirchen von Lalibela

Am nächsten Tag rufen wir einen Führer an, der uns empfohlen wurde und der tatsächlich spontan für uns Zeit hat. 15 Minuten später treffen wir Brehano am zentralen Ticketschalter.

Fesch - unser Führer Brehano

Fesch – unser Führer Brehano

Um den happigen Preis von 50 US-$ pro Person kommen wir nicht drum herum. Wir müssen unsere Pässe vorlegen und uns registrieren. Die Passnummer wird auf dem Ticket notiert. Das Ticket ist vier Tage lang gültig.

Lageplan von Lalibela

Lageplan von Lalibela

Wir fangen mit der nord-östlichen Kirchengruppe an. Während Brehano uns die Geschichte der Kirchen erzählt, verlassen gerade 600 Priester das Gelände. Heute ist Sonntag und es gab nicht nur einen Gottesdienst, sondern auch eine Art Priester-Treffen, weshalb alle 600 zusammengekommen sind. Das Bild der vielen Priester, die – alle in weiß gekleidet – die Gänge zwischen den Felskirchen beleben, ist sehr einprägsam.

Priester verlassen das Areal der Kirchen von Lalibela

Priester verlassen das Areal der Kirchen von Lalibela

Priester verlassen das Areal der Kirchen von Lalibela

Priester verlassen das Areal der Kirchen von Lalibela

Entstehung der Kirchen: Engel am Werk?

Über die Entstehung der Tempel ranken sich diverse Mythen. Einem zufolge hat König Lalibela die Tempel in Auftrag gegeben, um eine Art Jerusalem nachzubauen, zu einer Zeit als das Pilgern nach Jerusalem unmöglich war. Deswegen wird Lalibela, Äthiopiens himmlische Stadt, auch als Neu Jerusalem bezeichnet. Die UNESCO begründet die Auszeichnung als Weltkulturerbe unter anderem wie folgt:

„The King of Lalibela set out to build a symbol of the holy land, when pilgrimages to it were rendered impossible by the historical situation. In the Church of Biet Golgotha, are replicas of the tomb of Christ, and of Adam, and the crib of the Nativity. The holy city of Lalibela became a substitute for the holy places of Jerusalem and Bethlehem, and as such has had considerable influence on Ethiopian Christianity.“ (UNESCO)

Bis heute unklar ist, wie lange es gedauert hat, die Kirchen zu bauen. Der Legende nach haben tagsüber Menschen die insgesamt elf Gotteshäuser aus dem rostroten Tuffgestein geschlagen, nachts haben Engel weitergearbeitet, viel schneller natürlich. Deshalb hat der Bau insgesamt auch nur 25 Jahre gedauert. Archäologen gehen allerdings eher von 120 Jahren Bauzeit aus, ohne Engel.

Wie auch immer, die Kirchen sind ein beeindruckender Anblick, auch wenn die meisten von ihnen inzwischen von großen Planen überspannt werden, um sie vor der Witterung zu schützen. Jede Kirche besteht aus einem einzigen Stück Stein, sie ist also monolithisch (= aus einem Stück bestehend; zusammenhängend und fugenlos). Vor dem Aushöhlen des Felsens muss jeder Schritt genau geplant werden, da Korrekturen später nicht mehr möglich sind. Von Außen und Innen sind die Kirchen sehr unterschiedlich reich verziert, viele mit Fenstern in verschiedenen Kreuzformen, oder mit Vorsprüngen, die Affenköpfe genannt werden.

Innen sind manchmal noch Malereien, gern vom Heiligen Georg, dem Schutzheiligen Äthiopiens. Auch von der Größe her unterscheiden sich die Kirchen erheblich. Es gibt Kirchen und Räume, die gar nicht, nur von Priestern oder nur von Männern betreten werden dürfen.

Der Höhepunkt: Bete Giorgis

Den Vormittag verbringen wir in den fünf Kirchen der nord-östlichen Gruppe. Außer uns sind nur wenige andere Touristen da. Kurz vor der Mittagszeit, die Kirchen sind von 12-14 Uhr geschlossen, kommen wir bei schönsten Kirche an: der kreuzförmigen St.-Georgs-Kirche. Sie ist nicht „überdacht“, sodass sie in ihrer ganzen Pracht von einem nahegelegenen Hügel aus überblickt werden kann. Diese Kirche wurde in Form eines Templerkreuzes angelegt. Auf dem ebenerdigen Dach wird diese Form durch drei ineinander verschachtelte Kreuze wiederaufgenommen.

Nachmittags treffen wir uns wieder mit Brehano, um die restlichen fünf Kirchen (die süd-östliche Gruppe) zu erkunden.

Brehano scheint noch einen Termin zu haben, denn er macht Tempo und erzählt nur noch wenig. Einmal gehen wir durch einen 25 m langen Tunnel, der zwei Kirchen unterirdisch verbindet.

Aufpasser und Priester sitzen einträchtig vor dem gut verborgenen Tunneleingang und diskutieren über die Unruhen im Land.

Aufpasser und Priester sitzen einträchtig vor dem gut verborgenen Tunneleingang und diskutieren über die Unruhen im Land.

Steil hinab geht es in den Tunnel, der die Kirchen miteinander verbindet

Steil hinab geht es in den Tunnel, der die Kirchen miteinander verbindet

Den hätten wir ohne Guide nie gefunden! Die Gänge und Tunnel wurden damals für König Lalibela angelegt, damit dieser sich unbehelligt zwischen den Kirchen bewegen konnte. Zum Schluss steigen wir auf einen kleinen Hügel, von dem aus wir beiden Kirchengruppen, St. Georg, die traditionellen, strohgedeckten Tukul-Rundhäuser und den Fluss Jordanis, der nach dem Jerusalem-Vorbild benannt ist, überblicken können.

Torpido – der Name ist Programm

Abends gehen wir mit der Truppe vom Vortag in eine äthiopische Bar namens Torpido, was ja schonmal vielversprechend klingt. Hier soll es eine Art folklorische „Tanzshow“ von den Einheimischen geben. Wir trinken das typisch äthiopische Honigmet, das in phiolenartigen Reagenzgläsern kredenzt wird. Das Showprogramm wird zunächst von einer Sängerin und einem klampfenspielenden Sänger bestritten, die durch den Laden schreiten und sich offenbar freizügig über die Gäste lustigmachen, dem Gelächter des Publikums nach zu urteilen. Die Ferenjis (Weißen) sind da natürlich ein gefundenes Fressen.

Abends im Torpido in Lalibela

Irgendwann geht das eigentliche Programm los. Das wird von einem jungen äthiopischen Pärchen bestritten, die den Schultertanz, den Volkstanz der Amhara zeigen. Beim Schultertanz mobilisieren die Tanzenden Muskeln, von denen bei uns in Mitteleuropa höchstens Physiotherapeuten wissen, dass es sie gibt. Sie ziehen die Schultern hoch und lassen sie wieder sinken, wobei die Schultern stets rotieren. Dabei gehen sie seitwärts oder auch vorwärts auf andere Tanzende zu und kommunizieren auf diese Weise miteinander. Immer wieder werden andere Besucher der Bar, besonders gern Ferenjis, zum Tanz aufgefordert. Unser Tisch ist dabei besonders beliebt – so viele Ferenjis!

Später geht es mit dem Tuktuk durch die unbeleuchteten Kopfsteinpflasterstraßen nach Hause. Am nächsten Morgen reisen die anderen ab. Wir bleiben noch ein paar Tage in Lalibela, um uns die berühmte Kirchen Yemrehana Krestos und das surrealistische Restaurant „Ben Abeba“ anzuschauen.

3 Kommentare zu “Lalibela: das unbekannte Weltwunder

  1. Anna

    Das sieht wirklich sehr interessant aus und gehört habe ich von den Felsenkirchen auch noch nie. Ein toller Artikel, danke für den Einblick! 🙂

    Herzlich,
    Anna

    1. Claudia Autor des Beitrags

      Liebe Esther,
      das freut uns 🙂 Wenn du noch Fragen hast oder konkrete Tipps brauchst, meld‘ dich gern.
      Ansonsten freuen sich die Kids am Horn von Afrika auch immer über Mitgebrachtes wie Kugelschreiber oder ähnliches.
      Und ich kann dir das Buch „Abyssinia“ von Carola Frentzen sehr ans Herz legen. Sie hat ein Jahr in Äthiopien gelebt und nimmt einen wunderbar mit in diese ganz andere Kultur!
      Viele Grüße aus Hamburg
      Claudia

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