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Zwischen den Fronten: Gefangene für einen Tag

Nach elf Monaten ist es passiert: Wir mussten in Äthiopien unsere Reiseroute ändern, weil es zu gefährlich wurde. Auf dem Weg von Addis Abeba nach Bahia Dar gerieten wir plötzlich zwischen die Fronten eines bewaffneten Konflikts …

Als wir uns von Addis Adeba auf den Weg machen, zur zweiwöchigen Tour in den Norden Äthiopiens, ist die Stimmung noch bestens. Die doch recht mühsame Planung liegt hinter uns. Für die nächsten beiden Wochen müssen wir uns nur noch um die Übernachtungen kümmern, was angesichts der Nebensaison kein Problem sein sollte.
Und das Land zeigt sich auch von seiner besten Seite, völlig anders als erwartet. Denn mein Äthiopienbild ist geprägt von Bob Geldof und seiner Live-Aid-Kampagne Mitte der 1980er Jahre: Dürre, ausgehungerte Kinder in einer trockenen, unfruchtbaren Landschaft, wenig Kleidung, nichts zu essen.

Plattencover Band Aid

Plattencover Band Aid

Kaum sind wir aus Addis raus, ist es vorbei mit dem unerträglichen Geknattere auf überfüllten Straßen. Links und rechts saftige, grüne Wiesen, bestellte Felder (es ist Ende der Regenzeit) und grandiose Bergkämme. Autos begegnen uns kaum noch. In den Dörfern auf dem Land kann sich keiner ein Auto leisten, noch nicht mal ein Motorroller oder ein Fahrrad ist drin. Hier geht jeder zu Fuß. Meist sogar barfuß. Die Menschen sind unterwegs zum nächstgelegenen Markt, zu ihren Feldern oder um Brennholz zu sammeln. Männer tragen nicht mehr als einen Stock, am liebsten quer über der Schulter. Die Frauen tragen alles mögliche, was sich in ein großes Tuch wickeln lässt, auf dem Buckel oder dem Kopf: Stroh, Holz, Einkäufe vom Markt und ihre Kinder.

Dazwischen immer wieder Karawanen von Eseln, Schafen und Ochsen. Die Tiere weichen noch nicht mal aus, wenn wir im dicken Jeep anrauschen, die Straße ist für alle da. Also müssen wir immer wieder Slalom fahren, um nicht mal einen Hund oder ein Schaf zu überfahren.

Nach gut zwei Stunden erreichen wir das Kloster Debre Libanos. Hier herrscht gerade Hochsaison. Aus dem ganzen Land sind die Gläubigen angereist, denn der Jahrestag des Klosters steht an. Am Straßenrand haben sie Zelte oder provisorische Stände aufgebaut, wo sie übernachten, handeln oder sich einfach nur vor der Sonne schützen. Die Wäsche, die in einem kleinen Rinnsal gewaschen wird, wird anschließend zum Trocknen wild zerstreut: über Wellblech-Zäune, Sträucher und Steine gehängt. Hauptsache, es flattert nicht weg.

Das Kloster selbst hat strenge Regeln für Besucher: Frauen, die gerade ihre Periode haben, dürfen nicht rein. Ebenso ist der Zutritt für all diejenigen verboten, die in den vergangenen 48 Stunden Sex hatten. Dazu das übliche: Frauen müssen ein Kopftuch tragen, Knie bedeckt sein, beim Betreten der Kirche müssen die Schuhe ausgezogen werden. Der Eintritt kostet 150 Birr pro Person (= 6 Euro). Dazu wird ein Trinkgeld in Höhe von 50 Birr für den Priester erwartet.
Wir werden noch kurz Zeugen einer Beerdigungszeremonie. Der Sarg wird bis zum Kircheneingang getragen, ein kurzes Gebet und schon zieht die Trauergemeinde unter lautem Wehklagen wieder ab…

Mittagessen nehmen wir im Ethio German Park Hotel ein, einer grandios gelegenen Lodge (die Besitzerin ist Deutsche, die mit einem Äthiopier verheiratet war, der mittlerweile verstorben ist). Von hier aus hat man einen traumhaften Blick auf Schluchten, mitsamt Wasserfall. Ein paar hundert Meter weiter gibt es eine portugiesische Brücke, und da bekommen wir einen Vorgeschmack, wie die Äthiopier sich auf den Tourismus eingestellt haben. Um alle Sehenswürdigkeiten des Landes herum lungern „local guides“. Sie versperren den Weg und lassen uns nur durch, wenn wir pro Person 45 Birr zahlen. Wir verzichten. Es gibt auch so genug zu sehen, wie beispielsweise die Gelada-Affen, die es nur im äthiopischen Hochland gibt. Markenzeichen: Die rote Brust. Daher auch der deutsche Name Blutbrustpavian.

Zum ersten Mal probieren wir das Nationalgericht „Injera“. Ein aus Sauerteig bestehender „Pfannkuchen“, der je nach Wunsch mit Fleisch, Gemüse und/oder Saucen aufgetischt und nur mit Händen verspeist wird. Man reißt sich also ein Stück raus, wickelt darin das Fleisch oder tunkt es einfach nur in die Sauce. Eine Portion reicht locker für zwei Personen.

 

 

Auf dem Weg nach Debre Markos streikt plötzlich unser Jeep. Nachdem wir wegen einer Kuhherde auf der Straße anhalten müssen, lässt sich die Karre nicht mehr schalten. Auf offener Strecke geht erst mal gar nichts. Nachdem unser Guide Gubre das Auto neu gestartet hat, kann er wenigstens im dritten Gang (an-)fahren. Schalten bleibt unmöglich. Also: Ran an den Straßenrand, ein Anruf bei seinem Kumpel („best mechanic in the world“) und dann legt sich Gubre unters Fahrzeug, schraubt hier und da und nach 20 Minuten können wir tatsächlich schaltend weiterfahren.

In Debre Markos gibt es nur ein großes Hotel, das Warmwasser und saubere Betten verspricht. Stolze 1100 Bar kostet die Nacht. Nun denn. Auffallend: Sowohl vor unserem Hotel als auch an den großen Kreuzungen sind bewaffnete Uniformierte postiert.
Vor dem Abendessen suchen wir die lokale Polizeistation auf, um uns über die Lage in Bahia Dar zu erkundigen. Heute sei es nicht möglich gewesen, dorthin zu fahren. Die einzige Straße sei gesperrt, wie es morgen aussieht, kann keiner sagen. Die „problems“, wie es Emanuele von der Reiseagentur tags zuvor noch nannte, scheinen also doch etwas größer zu sein. Dennoch gehen wir zuversichtlich schlafen.

Zum Frühstück erscheint Gubre mit schlechten Nachrichten: Die Straße nach Bahia Dar ist offenbar noch immer gesperrt. Er empfiehlt, zurück zu fahren und die gesamte Reiseroute umgekehrt als geplant zurückzulegen. Nicht im Uhrzeigersinn von Bahia Dar über Gondar, Axum und Mekele bis nach Lalibela. Sondern von Lalibela über Axum nach Bahia Dar, da sich die Proteste in zwei Wochen sicherlich erledigt hätten. Von hier bis nach Lalibela würden wir jedoch mindestens drei reine Fahrtage brauchen, über ruppige Pisten. Eigentlich wollten wir die Strecke von Lalibela nach Addis mit dem Flugzeug zurücklegen, wie es die meisten Touristen machen.

All unsere Fragen, um was es in dem Konflikt geht, wer sich da für was einsetzt, kann Gubre nicht beantworten („These are protests from the people“). Wir können die Lage leider nicht einschätzen. Also wieder zur Polizei. Doch auch hier kommen wir nicht weiter. Keiner weiß was oder will was sagen. Irgendwie seltsam. Die Stimmung scheint angespannt: Als ich ein Foto vom Marktplatz mache, kommt ein Polizist und verlangt, dass ich es lösche, da auch Polizisten auf dem Marktplatz patrouillieren.

Was also tun? Wir schlagen vor, einfach mal weiter zu fahren. Falls die Straße irgendwo gesperrt sei, können wir ja immer noch entscheiden, ob wir umkehren, warten oder ob wir vielleicht (gegen ein entsprechendes Trinkgeld) doch passieren können.

Also los. Wir fahren vorbei an Menschen, die sich auf den Weg zum Markt oder auf’s Feld machen. Eine halbe Stunde später ist unsere Fahrt beendet. Es geht nicht weiter. Auch wenn wir die Straßensperre selbst nicht sehen, da Gubre nicht soweit vor fahren möchte, aber auch die wenigen anderen Fahrzeuge (eigentlich ausnahmslos Busse und Lkw) drehen um und warten. Die Straße ist recht voll mit Menschen, von denen einige Gewehre tragen. Auch einige bewaffnete Polizisten sind zu sehen.

Wir sind weit und breit die einzigen Weißen. In diesem kleinen Dorf „in the middle of nowhere“ hält normalerweise kein Touri. Es gibt kein Hotel, kein Restaurant, das den Namen verdient. Wir parken den Wagen hinter einem Haus und finden Unterschlupf in einer lieblosen, vergitterten Bewirtungsstätte: Ein Raum mit einer Art Tresen, einem Dutzend Plastiktische mit dazugehörigen Plastikstühlen. Auf dem Boden vereinzelt Stroh. Wir sind zunächst die einzigen Gäste und wollen einen Kaffee bestellen. „No coffee“. Und einen Tee? „No tea“. Coca-Cola gibt’s.

Über’s Handy versuchen wir ins Internet zu kommen, um uns über den Konflikt zu informieren. Kein Empfang. Internet gibt es hier nicht. Wir warten. In den nächsten ein, zwei Stunden füllt sich der Laden. Ausnahmslos mit Äthiopiern. Dann wird die Eingangstür abgeschlossen. Zu gefährlich nach draußen zu gehen, heißt es. Wir sind gefangen! Die Fensterscheiben vergittert. Kaum einer spricht. Nahezu alle anderen Gäste starren uns an. Nicht verschämt, aus dem Augenwinkel. Ganz offen und direkt. Kaum einer sagt was. Kein Lachen, kein Lächeln, völlig surreal.

Auch draußen ändert sich das Bild: Während anfangs die Frauen noch ihre Tiere durch die Gegend trieben, halten sich mittlerweile nur noch Männer auf der Straße auf. Mehr und mehr Bewaffnete erscheinen auf der Bildfläche. Wie im Film beginnt es auch noch zu regnen. Trostlos, beklemmend.

Gubre versucht draußen irgendwas in Erfahrung zu bringen. „Aber ich bin für die Leute hier auch ein Fremder. Die sagen mir nichts“, erklärt er uns zwischendurch. Wir bestellen in den nächsten Stunden noch mehr Cola, Injera mit Rindfleisch und warten weiter. Fünf Stunden, sechs Stunden, sieben Stunden. Zwischendurch heißt es, wir seien eingekesselt, die einzige Straße in beide Richtungen gesperrt. Gubre fragt nach, ob wir irgendwo übernachten könnten. Für uns keine Option. Wir wollen zumindest zurück nach Debre Markos, in ein sauberes Bett. Die Straße Richtung Bahir Dar bleibt gesperrt, aber die nach Derbe Marcos ist irgendwann wieder offen. Nach fast acht Stunden entscheiden wir uns, dorthin zurück zu fahren.

Nach wenigen hundert Metern geht nichts mehr. Um uns herum zirka tausend Menschen. Das Auto umzingelt. Einige versuchen, die Autotüren zu öffnen. Betteln durch die Fensterscheiben. Wir können nicht vor und nicht zurück. Immerhin: Keiner ist bewaffnet. „Sie gehen zur Kirche“, sagt unser Fahrer. Dort gebe es irgendwas zu feiern. Über die Situation will er nicht sprechen: „Not now!“ Er rät uns, bloß keine Fotos zu machen: „Die Menschen sind dem nicht wohl gesonnen!“ Nach ewig langen 30 Minuten stop und go (kein Auto vor und auch kein Auto hinter uns) biegt die Menschenmasse tatsächlich rechts Richtung Kirche ab. Durchatmen, auf’s Gaspedal und schnell ab nach Debre Markos.

Es wird bereits dunkel, als wird den Ort erreichen. Und er hat sich gänzlich verändert zu heute morgen, als wir losgefahren sind. Hundertschaften bewaffneter Polizei in blaugefleckter Kampfuniform ist auf den Straßen. Jeder trägt eine Maschinenpistole. Vor dem Hotel steht ein Pick-up-Wagen, auf dessen Dach ein Maschinengewehr montiert ist, mit geladenem Patronengurt. Überall Bewaffnete in blauer, brauner oder gar keiner Uniform. Auch wenn die Lage nicht angespannt wirkt, das Aufgebot schüchtert ein.

Wir verschanzen uns schnell im Hotel („Here, you are safe“) und rufen die deutsche Botschaft an. Anrufbeantworter – Wochenende. Für Notfälle, eine Handynummer. Wir schildern der Diplomatin, was wir erlebt und beobachtet haben. Als wir die Uniform der Bewaffneten beschreiben, sagt sie sofort: Das ist Bundespolizei, die sind offenbar zur Verstärkung gerufen worden. Und die schießen. Und zwar ohne Vorwarnung und Rücksicht. Sie klärt uns auf über die Proteste der unterschiedlichen Volksgruppen: Die Oromo fühlen sich gegenüber den anderen großen ethnischen Gruppen der Tigray und Amharen von der Regierung diskriminiert. Und dass in den vergangenen Monaten bei den Protesten schon 400 Menschen getötet wurden (nachzulesen hier in einem ZEIT-Artikel).

Ihr Rat: Auf keinen Fall versuchen, weiter Richtung Bahir Dar zu fahren. „Im Moment kann ich niemanden raten, mit dem Auto durch Äthiopien zu fahren. Das gilt für’s ganze Land. Zu gefährlich.“ Ich erwähne noch, dass auf der Webseite des Auswärtigen Amtes keine entsprechenden Hinweise zur Lage in Äthiopien zu finden sind.
Wir sind etwas geschockt und googeln uns durch die Berichte der vergangenen Monate. In deutschen Medien wurde kaum darüber berichtet. Human Rights Watch hat ein Video veröffentlicht, auf dem das rigorose Vorgehen der „Sicherheitskräfte“ zu sehen ist.

Wir telefonieren mit unserer Reiseagentur in Addis, schildern die Lage und die Einschätzung der Botschaft. Emanuele reagiert überrascht über das Ausmaß der Proteste und bietet uns an, die Tour abzubrechen, das Geld für die ausstehenden Tage zurück zu zahlen.
Wir wollen das Ganze erst noch verarbeiten und überschlafen.

Auch wenn am nächsten Morgen der Schock verdaut ist – wir entscheiden uns schweren Herzens, zurück nach Addis zu fahren und die Rundreise im Jeep abzubrechen. Sicherheit geht vor. So haben wir das auch unseren Eltern versprochen.

Ganz im Norden, in den Touristenorten Aksum und Mekele, auch in Lalibela, sei es derzeit ruhig, erfahren wir, keine Proteste. Wir beschließen, in den kommenden Tagen und Wochen dorthin zu reisen – per Flugzeug.

Auf unserer Rückfahrt nach Addis Abeba sehen wir nur noch rund um Debre Markos Spuren des Konflikts: An vielen Ecken stehen bewaffnete Einheiten der lokalen und der Bundespolizei, auf Pick-Ups fahren sie an uns vorbei.

Danach wieder das gewohnte Bild: Idyllische Landschaften und der Alltag der Landbevölkerung: Jugendliche, die am Straßenrand Tischfußball spielen, Kinder, die auf eine Schafsherde aufpassen und immer wieder zurückgelassene, verunglückte Lkw.

Um 17.30 Uhr erreichen wir Addis und damit wieder das geschäftige Treiben der hektischen Millionenmetropole. Wir lassen uns direkt ins Hilton Hotel fahren, wo es ein Büro von Ethiopian Airlines gibt. Seit 17 Uhr geschlossen, aber am Nationaltheater gibt es noch ein Büro, das bis 19 Uhr geöffnet hat. Und siehe da: Für den Flug am nächsten Morgen nach Mekele gibt es noch zwei freie Plätze. Wir schlagen zu.

 

 

Jetzt brauchen wir dort nur noch einen Fahrer, der uns durch die Tigray-Region bis nach Aksum fährt. Emanuele antwortet nicht auf unsere Anrufe, aber Gubre telefoniert rum, bis er einen Kontakt in Mekele für uns hat. Irgendwie geht es immer weiter…

 

Kurzer Nachtrag:
In den darauffolgenden Tagen hat sich die Lage offenbar weiter verschärft. Das Auswärtige Amt hat die Reisehinweise dementsprechend angepasst. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung spricht sogar schon von einem Bürgerkrieg.

Bericht der FAZ vom 1.9.2016

Reisehinweis des Auswärtigen Amtes

Reisehinweis des Auswärtigen Amtes, aktualisiert am 31.8.2016

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