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Frankenstein: ein schrecklich nettes Hostel

Als wir zum ersten Mal im Hostal Royal Frankenstein ankamen, war es schon dunkel und wir hatten gerade einen Höllenritt von einer Busfahrt hinter uns. Eigentlich wollten wir in einer anderen Unterkunft übernachten, aber da wir uns auf keine so recht einigen konnten, blieb die Unterkunftsfrage bis zur Abfahrt ungelöst. Im Bus lernten wir Sandra kennen, und Sandra hatte sich im Frankenstein einquartiert. Wir teilten uns also zu Viert ein Taxi dorthin. Vielleicht war ja noch ein Zimmer frei? 

Als wir ankamen war Ludwig, der Inhaber, etwas in Aufregung, denn

  1. es standen nicht nur drei unangekündigte Neuankömmlinge (wir) vor ihm, sondern
  2. es fand auch gerade eine kleine, nicht-angemeldete Party im Aufenthaltsbereich statt, von der Ludwig etwas überrumpelt worden war.
  3. Hinzu kam, dass er zu diesem Zeitpunkt schon leicht urlaubsreif war…

Er versicherte uns sogleich, dass das Frankenstein kein Party-Hostal sei und zeigte uns die letzten freien Zimmer, die wir dankbar bezogen.

Hostal Royal Frankenstein, Cusco, Peru

Frankensteins Monster

Beim Hostal Royal Frankenstein verhält es sich dabei ähnlich wie mit Mary Shelleys Frankenstein: Gemeinhin wird angenommen, Frankenstein sei das Monster, dabei ist Frankenstein der Arzt, während das Monster namenlos bleibt. Beim Hostal Royal Frankenstein in Cusco ist der Inhaber Ludwig Roth so sehr mit dem Gemäuer verwoben, ist Herz und Seele der Institution „Frankenstein“, dass es dem gemeinen Bewohner bald leicht über die Lippen geht, Haus und Herren gleichermaßen als Frankenstein zu bezeichnen.

Wo die Geschichte von Ludwig und dem Frankenstein ihren Anfang nahm ist nicht ganz klar, weil Ludwig nicht gern über sich selbst spricht. Doch gesichert ist, dass vor ca. 15 Jahren ein etwas jüngerer Ludwig nach Südamerika kam. Er kaufte ein fast verfallenes Haus, renovierte es und begann daraus das Hostal Frankenstein zu machen. Da genau gegenüber in der Straße San Juan de Dios ein „Royal Hotel“ stand, fand Ludwig, es sei angebracht, dass auch das Frankenstein „royal“ wurde.

Altes Foto von Ludwig, dem Inhaber des Frankensteins

Warum Frankenstein? Nun, das ist ziemlich einfach, kommt Ludwig doch aus Franken, genauer gesagt aus einem kleinen Ort im Spessart. Eine fränkische Flagge thront deshalb auch in der Couchecke. Das Gruselthema Frankenstein bzw. Frankensteins Monster wird im Haus in Sachen Dekoration konsequent ausgelebt. Jedes der zehn Zimmer hat einen entsprechenden Namen, z.B. Mary Shelley, Frank’n’Stoned, Laboratorio oder Monster Rüüm.

Zimmerschlüssel im Frankenstein

Im Laufe der Jahre haben sich eine ganze Reihe Gruseligkeiten angesammelt. Dazu beigetragen haben auch seine Gäste, die z.B.Bilder von Frankensteins Monster gezeichnet haben.

Einer hat sogar eine original mumifizierte Ratte beigesteuert, die seither dezent auf einem getrockneten Ast sitzt.

Mumifizierte Ratte im 1. Stock vom Frankenstein

Signs of Frankenstein

Neben Gruselaccessoires, seiner Tochter und Orchideen, hat Ludwig, der 24/7 im Frankenstein anzutreffen ist, eine weitere Leidenschaft: Schilder! Das ganze Frankenstein ist praktisch damit zugepflastert. Es gibt Informationsschilder, Warnschilder, Hinweisschilder. Die meisten Schilder sind permanent an ihrem Platz, manche hängt Ludwig aber auch täglich auf und ab. So z.B. die „Silence – people sleeping“-Hinweise, die kurz vor 22 Uhr demonstrativ an ihre Plätze gebracht werden. Schlafen konnten wir im Frankenstein deswegen immer gut, denn kurz nach den Schildern, löscht Ludwig konsequent das Licht im Haus, sodass der Gast weiß: jetzt ist Nachtruhe! An dieser Stelle findet ihr nur ein paar unserer Lieblingsschilder. Eine größere Kollektion gibt es auf der weltreize-Facebook-Seite.

Und täglich grüßt die Reiseagentur

Ludwigs Tag fängt meist damit an, dass er so gegen 4:30 Uhr von irgendeiner Travel Agency aus dem Bett geklingelt wird, weil diese gern jemanden zu irgendeiner Tour – vorzugsweise Machu Picchu – abholen möchte. An guten Tagen gibt es tatsächlich jemanden abzuholen. Manchmal hat die Agentur einfach irgendwas verwechselt oder den Reisenden ist gerade kein anderer Hostelname eingefallen – „Frankenstein“ kann man sich eben gut merken. Ludwig erzählt, dass in seiner Anfangszeit in Cusco jeden Morgen mehrere Agenturen geklingelt haben. Inzwischen sei es etwas besser geworden.

Einer für alles

Dann beginnt die Routine und die ist lang, straff durchorganisiert und verfolgt einen unumstößlichen Plan, denn Ludwig und die mumifizierte Ratte schmeißen den Laden komplett alleine. Er ist also Rezeptionist, Chef, Inhaber, Reinigungs- und Küchenpersonal, Klempner, Gärtner und Gepäckjunge. Unfassbar fand das auch die Stadt Cusco, bei der Ludwig jede Woche ein Formular mit dem Umsatz des Hostels und allerlei anderer Daten einreichen muss. Dort gibt es auch Felder für das Personal. Als Ludwig in alle Felder wahrheitsgemäß sich selbst eingetragen hatte, kam das Formular postwendend zurück. „Das könne nicht sein, das könne er nicht alles alleine machen, er könne sich maximal in ein Feld eintragen.“ Seither ist Ludwig jede Woche etwas anderes, in einer Woche ist ihm eher nach Reinigungspersonal, in einer anderen fühlt er sich mehr wie der Chef und in der dritten ist er einfach der Orchideen-Gärtner.

Ludwigs Passion: Pflanzen - das ganze Frankenstein ist voll davon

Ludwigs Passion: Pflanzen – das ganze Frankenstein ist voll davon

Wetterhäuschen

Eine Zeit lange hatte er tatsächlich Personal, auch damit er das Haus mal verlassen konnte. Allerdings hat Ludwig sehr genaue Vorstellungen davon, wann was in exakt welcher Art und Weise stattzufinden hat. Die Mitarbeiter, und waren sie noch so guten Willens, konnten seinen – zugegebenermaßen strengen – Anweisungen nicht exakt folgen oder sahen die Sache etwas entspannter. Daher haben sie letztlich mehr Schaden angerichtet als geholfen. Irgendwann dachte Ludwig sich: „Dann kann ich’s auch gleich selber machen“ und war seither auf sich gestellt. Das bedeutete, dass er tagein tagaus ununterbrochen im Frankenstein war. In den Wochen vor unserer Ankunft konnte er das Haus nur verlassen, wenn der Cousin seiner Ex-Frau zum Einhüten vorbeikommen konnte. Das war dienstags und samstags, jeweils für ein paar Stunden.

Frankenstein’s Blood

Deswegen war Ludwig, als wir im Frankenstein ankamen, zugegebenermaßen schon etwas urlaubsreif. Denn Urlaub findet bei ihm genau einmal im Jahr statt, dafür gleich für drei volle Monate. Während dieser Zeit wird das Frankenstein komplett dicht gemacht, ansonsten könnte Ludwig seinen Urlaub nicht genießen. Für die unzähligen Pflanzen, die über die drei Etagen in dem 500 Jahre alten Haus verteilt stehen, kommt Harry aus Deutschland. Das macht Harry schon seit Jahren und es funktioniert. Neben den Pflanzen kümmert sich Harry auch um einen frischen Anstrich und braut Schnaps: ursprünglich den „Stramm“, ein Name, der Ludwig sehr gefiel, irgendwann wurde daraus dann Frankensteins Blood.

Frankensteins Blood

Frankensteins Blood

Frankensteins Destillierer

Der Tag der neuen Schuhe

So verwunderte es kaum, dass Ludwig seit vielen Jahren exakt ein Paar Schuhe besaß. Das lief 1a, bis sein Schuster einen dicken Flicken im Inneren montierte und der eine Schuh nicht mehr so recht passen wollte. Nach einigen Wochen, in denen Ludwig vergeblich gehofft hatte, Schuh oder Fuß würden sich mit der neuen Situation arrangieren, sah er ein, dass es an der Zeit war, das Haus mit der Mission „neue Schuhe“ zu verlassen. Wir wurden eingeweiht und als wir an jenem Abend zurück ins Hostal kamen, stand der Schuhkarton demonstrativ auf dem Rezeptionstresen, den wir beim Hineinkommen passieren mussten. Wir bewunderten die in der Tat wohl ausgesuchten Exemplare angemessen. In den folgenden Tagen wurde im Frankenstein viel über die neuen Schuhe diskutiert: um welche Art Leder handelte es sich? Konnte man sie mit Bienenwachs imprägnieren? Was sollte nun aus den alten Schuhen werden?

Zuhause im Frankenstein

Wir genossen derweil die Tage im Frankenstein, das wir eigentlich nur verließen, um Machu Picchu einen Pflichtbesuch abzustatten. Das Haus war urig, gemütlich, hatte – was sehr, sehr selten ist – eine wohnliche Couchecke mit Kamin und, was das i-Tüpfelchen war, auch noch gutes Internet. So bildeten wir mit Diana, die wir mittlerweile überzeugt hatten, sich ebenfalls hier einzuquartieren hatte, ein Art Drei-Personen-Bloggercamp.

Arbeitsplatz Frankenstein

Arbeitsplatz im Frankenstein – hier mit Sandra

Arbeitsplatz im Frankenstein - Dani vorm Kamin

Arbeitsplatz im Frankenstein – Dani vorm Kamin

Wir bezogen morgens ab 7 Uhr unseren „Arbeitsplatz“ am Wohnzimmertisch mit grün-weiß-gepunkteter Tischdecke, freuten uns über jeden Regen, der uns das Drinnenbleiben noch leichter machte und verließen das Haus nur selten. Fast wie Ludwig, der unsere Aktivitäten verständnislos beäugte. Einmal drohte er uns sogar, das Internet abzuschalten… Während Dani und Sandra für fünf Tage auf den Salkantay-Trail zum Machu Picchu verschwunden war, brüteten wir in aller Gemütlichkeit im Frankenstein. Dort gelang es uns auch endlich mal „runterzukommen“, abzuschalten und in den Weltreisemodus zu wechseln. Im Frankenstein fanden wir also zum ersten Mal auf Reisen wieder ein kleines bisschen Zuhause, weshalb wir uns wirklich schwer damit taten weiterzuziehen. Aber irgendwann kam Dani zurück und die hatte einen Plan, was es noch alles in ihrer verbleibenden Zeit zu sehen gab. Also hieß es Abschiednehmen vom Frankenstein und von Ludwig und auch vorerst von Diana.

Frankenstein abzugeben

Zurückzukehren ins Frankenstein wird schwierig, denn Ludwig setzt gerade alle Hebel in Bewegung, um das Haus zu verkaufen. Seiner Prognose zufolge kann das zwar bei der peruanischen Geschwindigkeit bei solchen Dingen ca. fünf Jahre dauern, aber er ist fest entschlossen, seine Zelte in Cusco abzubrechen und zurück in Deutschland ein neues Buch aufzuschlagen. Wer also vorhat, Machu Picchu zu besuchen und im quasi legendären Hostal Royal Frankenstein, der heimlichen Hauptattraktion von Cusco, Gast zu sein, der sollte sich sputen. Denn bald ist alles, was bleibt, nur noch eine (Grusel-)Geschichte. Bis Ende Februar 2016 macht Ludwig aber erstmal Urlaub. Recht hat er.

Abschied von Diana, Ludwig und dem Frankenstein

Abschied von Diana, Ludwig und dem Frankenstein

4 Kommentare zu “Frankenstein: ein schrecklich nettes Hostel

  1. Diana

    Sehr schöner Artikel . Nachdem ihr weg wart, hat er mir doch glatt für etwa 1 Stunde die Aufsicht über sein Reich überlassen – mit genauen Instruktionen wer kommen könnte und was dann zu tun ist – er musste dringend vor dem nächsten Regenschauer zum Baumarkt, da das Dach eine undichte Stelle hatte . Mir ständig von den kulinarischen Leckereien Frankens vorzuschwärmen nehme ich ihm allerdings immernoch übel

    1. Claudia Autor des Beitrags

      Du warst ihm eben schon ans Herz gewachsen 🙂 Und schließlich hat er dir als Dankeschön doch eigenhändig ein Brötchen mit Senf und Würstchen gemacht.

  2. Ludwig Roth

    Hallo ihr Lieben! Ihr seid ja lustige Gesellen. Wenn ich das so lese, traue ich mich gar nicht mehr vor die Tür. Es geht doch nicht um mich. Der/Die Gast ist König/in!
    Aber wenn ich mir es recht überlege – Es wird mal wieder Zeit für neue Hinweisschilder. 😉
    Die neuen Schuhe sind übrigens schon halb hinüber.
    Hätte ich nur die alten Schuhe behalten!
    Liebe Grüße – Hasta la vista!
    L.

    1. Claudia Autor des Beitrags

      Hallo Ludwig,
      doch, doch, Ehre, wem Ehre gebührt. Das Hostal Royal Frankenstein war wirklich einer der Orte auf unserer Weltreise, die nun immerhin schon über neun Monate dauert, die wir besonders ungern verlassen haben!
      Wir hoffen, dir und dem Frankenstein geht es blendend, auch wenn die neuen Schuhe eine Enttäuschung waren?!
      Falls du es noch nicht gesehen hast, wir haben sogar ein Facebook-Album von deinen Schildern angelegt. Hier der Link: Signs of Frankenstein
      Und falls es tatsächlich neue Schilder gibt, halt uns unbedingt auf dem Laufenden!
      In diesem Sinne, viele Grüße aus Nord-Sulawesi
      Dominik & Claudia

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