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La Fortuna: O Sohle mio – was für ein Vulkan

„Hatte ich nicht noch irgendwo …? Hm, vielleicht diese hier? Nee, die sind ungeeignet. Ach, da habe ich ja noch meine alten Tennisschuhe aus 1994!“ So kann es aussehen, wenn ich versuche für eine Reise zu packen und nach passenden Schuhen für Outdooraktivitäten suche. Glücklicherweise habe ich noch ein altes Paar Schuhe gefunden, das ich zum Wandern im Regenwald nutzen kann. Wie man merkt, bin ich keine Wanderin. 

Vulkanwanderung in Costa Rica: Erwartungen

Ich habe es mir für Costa Rica aber vorgenommen und freute mich schon total auf das endlose Grün, die Tiere und das Klima. Deshalb fiel die Entscheidung auch nicht schwer, als ich mit Claudia und Dominik die „Two Volcanoes Tour“ in La Fortuna gebucht habe. Zehn Stunden sollte der Tagesausflug insgesamt dauern, mit einer Wanderung auf den kleinen Bruder des Volcán Arenal, dem Cerro Chato. Bis zum Gipfel hinauf, dann zum Kratersee, ein bisschen darin baden, wieder runter wandern, zum Mirador mit Blick auf den Volcán Arenal, ins Vulkanmuseum, zum Wasserfall, einem Froschteich und zu guter Letzt in einer natürlichen Thermalquelle chillend, einen typisch Costa Ricanischen Schnaps „Cacique Guaro“ genießen. Hört sich super an. Da wird einem ja einiges geboten, fanden wir.

Vulkanwanderung in Costa Rica: Realität

Freudig gespannt und voller Abenteuerlust treffen wir am Startpunkt der Wanderung, der Arenal Observatory Lodge ein. Nachdem jeder sein Lunchpaket ausgehändigt bekommen und verstaut hat, marschieren wir in drei Gruppen à 15 Personen zügig den grünen, schwindelerregend steilen Hang hoch, der in den waldigen Bereich des Vulkans führt. Hier und da ein flüchtiger Halt, damit unser Guide Emanuel (kurz „Ema“ genannt), etwas zu den Bäumen und Sträuchern sagen kann, die wir gerade passieren.

Zum Beispiel erfahren wir, dass die Aborigines (australischen Ureinwohner) aus den Stämmen der Eykalyptusbäume ihre Didgeridoos fertigten. Außerdem kann man Eukalyptusblätter als Arznei gegen Erkältungen anwenden. Und aus dem leichten Holz des Balsabaums haben die Hawaiianer früher ihre Surfbretter gebaut. Hellhörig werde ich, als Ema uns zu einem Pfeffergewächs führt, dessen Blätter ein hervorragendes Abwehrmittel gegen Mücken sind. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, greife mir eine Handvoll Blätter und reibe mich damit ein was das Zeug hält. Eine Woche zuvor wurde ich am Strand von Sámara dermaßen von Mücken zerstochen, da kam ich mit dem Kratzen gar nicht mehr hinterher, so irrsinnig hat es gejuckt.

 

Nun geht’s aber weiter. Zack, Zack! Ema führt ein wettrennen-artiges Tempo an.

Schnauf … schnauf … schnauf! Mein Gott, ist das steil und unwegsam! Es sind erst ca. eineinhalb von vier Wander-Stunden vergangen und wenn es nach mir ginge, könnte die Wanderung gern jetzt schon enden bzw. in einen gemütlichen Spaziergang übergehen. Hätte ich doch bloß zu Hause mehr Konditionstraining gemacht. Hinter mir keucht ein junger Portugiese, der mit seiner Freundin unterwegs ist, mindestens genau so laut wie ich. Endlich machen wir eine sehnsüchtig erhoffte Pause. Die ist allerdings gar nicht vom Guide geplant, sondern durch einen Asthmaanfall meines keuchenden Kollegen, dem Portugiesen, erzwungen. Der arme Kerl sitzt auf einem Stein und muss erst mal seinen Atem wieder finden. So leid er mir tut, bin ich ihm in diesem Moment unendlich dankbar für die Zwangspause, die er der Gruppe beschert hat.

 

Mein loses Schuhwerk: Fluchen hilft nicht

Prüfend blicke ich auf meine alten Tennisschuhe, die sich Tage zuvor im Regenwald von Manuel Antonio dazu entschieden haben, sich langsam von ihrer Sohle zu verabschieden. Dort hörten sich plötzlich meine Schritte wie Flip-Flop-Platschen an und als ich nach unten blickte, entdeckte ich das Schlamassel: Von der Ferse bis zum Ballen lösten sich die Sohlen und hingen nur noch am „seidenen Faden“ der Fußspitze. Das sah beim Gehen wirklich sehr witzig aus und wir mussten alle lachen. Unser Manuel-Antonio-Guide hatte die geniale Idee, einfach die Schnürsenkel um die Sohlen zu wickeln, um sie am Schuh zu fixieren. Später verfeinerte ich die „Reparatur“ mit Superkleber, welcher erstaunlich gut hielt. 

So, der Portugiese kann inzwischen wieder einigermaßen atmen und wir setzen unseren strapaziösen Aufstieg auf den Gipfel fort. Es wird irgendwie immer herausfordernder und anstrengender, anstatt – wie versprochen – umgekehrt. Lässt die steile Steigung etwas nach, so verwandeln schlammiger Matsch, quer liegende Äste, Wurzeln und Steine unseren Pfad in ein komplexes Labyrinth. Und wie es das Schicksal so will, lösen sich nun meine Sohlen an der Fußspitze! Super Glue ist längst aufgebraucht, also muss ich mich wieder mit dem Schnürsenkel-Trick behelfen.

Entgegenkommende Wanderer und diejenigen, die mich überholen, schauen mich mitleidig an. Warum passiert das ausgerechnet mir und ausgerechnet JETZT??? Ich versuche, nicht daran zu denken, sondern mich auf sichere Schritte und Sprünge zu konzentrieren, damit ich nicht mit den Schnürsenkeln irgendwo hängen bleibe. Den traumhaften Regenwald um mich herum kann ich dabei leider kaum bewundern. Sehr schade, denn er ist beeindruckend schön! 

 

Lunchbreak am Kratersee

Nach etwa 1.140 Höhenmetern kommt jetzt der heftigste Teil – das Hinunterklettern zum Kratersee. Das hat nun mit Wandern nichts mehr zu tun, sondern erfordert höchstes Klettergeschick. Ein Horror für mich mit meinem Schuh-Handicap. Über Äste und Felsen hangeln wir uns ängstlich kletternd hinab bis zum Kratersee. Auch geübte Wanderer haben Respekt vor diesem Abschnitt und machen große Augen, als sie sehen, wie schwindelerregend und kompliziert der „Weg“ nach unten führt.

Eine sehr nette Ukrainerin aus den USA, die schon im Bus neben mir saß und sich nett mit mir unterhalten hat, bietet mir ab und zu ihre stützende Hand oder sagt mir, wo ich welchen Fuß hin setzen soll. Ja, das ist gar nicht so einfach! Ihr Freund, der offensichtlich weniger Schwierigkeiten beim Klettern hat und immer leichten Vorsprung vor uns hat, filmt uns grinsend. 

Endlich angekommen, nimmt die Wanderer-Menge ein erfrischendes Bad im See. Claudia und mir ist es dafür zu kühl draußen. Ich nutze die Pause, um diverse Steinchen aus meinen Schuhen zu fischen und um zum 10. Mal meine Schnürsenkel neu zu wickeln. Hier packen alle ihre Lunchpakete aus und obwohl ich keinen Hunger verspüre, tue ich es ihnen gleich, denn ich erhoffe mir davon einen kleinen Energieschub, den ich äußerst nötig habe.

 

Gefährliche Tiere werden überbewertet

Plötzlich ohne große Vorwarnung schmerzen mir die Oberschenkelmuskeln. Aber wie! Dass man von einem Moment zum nächsten solche Schmerzen haben kann, ist mir neu. Dominik rät mir, gegen die Muskelüberlastung viel zu trinken und auch unserem Guide ruhig Bescheid zu sagen, denn der gibt beim Wandern dieses Affen-Tempo vor, das er dann hoffentlich (insgeheim wünschen sich das auch andere Gruppenteilnehmer) etwas runter fährt.

Ich setze also Ema davon in Kenntnis, dass meine Oberschenkelmuskel sehr schmerzen und ich deshalb nicht so schnell gehen kann. Er lächelt und sagt, „yes, that can happen“. Claudia „verpflichte“ ich dazu, für den Rest der Wanderung nah bei mir zu bleiben, denn im Grunde brauche ich bei fast jedem Schritt Unterstützung einer helfenden Hand.

Das ist extrem hilfreich, aber dennoch schmerzt mir jeder Schritt so unfassbar in den Beinen, sowas hab ich noch nie erlebt. An allem was in greifbarer Nähe ist, kralle ich mich fest: Felsen, Äste, Wurzeln, Lianen, Blätter. Dass man hier sehr auf Schlangen, Spinnen und sonstige Viecher acht geben muss, interessiert mich jetzt nicht mehr. Wenn ich zuvor jedes Blatt, an das ich mich klammere, auf gefährliche Tiere untersuchen würde, komme ich nicht mehr bei Tageslicht hier heraus.

 

Eine aussichtslose Aussicht

Wir machen Halt bei einem Mirador, von dem aus man den legendären Volcán Arenal sehen soll, der bis vor 5 Jahren noch aktiv war und glühend rote Lava gespuckt hat. Alles was wir sehen, ist eine astreine, dichte Nebelwand … Claudia und ich gehen schon mal als Erste vor, weil ich ja eh so langsam bin. Deprimierenderweise werden wir aber schon nach 15 Minuten von der gesamten Gruppe überholt.

Und weil es nicht schon peinlich genug ist, beschließt Ema, dass ich nun gleich hinter ihm wandern soll, damit ich besser hinterher komme. Schnell merkt er aber, dass auch das nicht hilft, düst mühelos, als liefe er eine asphaltierte Straße entlang, zurück zur zweiten Wandergruppe, die ein paar hundert Meter hinter uns geht. Kurz darauf hüpft er zurück mit der Info, dass Claudia und ich uns den anderen anschließen sollen, weil unsere eigene Gruppe gerne zügig vorausgeht.

 

Hab ich gerade in eine Schlange gegriffen?

Mir ist inzwischen alles egal, peinlich ist mir langsam auch nix mehr. Ich habe nämlich auf Überlebensmodus umgeschaltet und unwichtige Gedanken abgestellt. In meinem Kopf gibt’s nur noch: Achtung Stolperfalle! Aua, Schmerz! Was eignet sich zum Festkrallen? Aua, Schmerz! Vorsicht, Schnürsenkel wickelt sich auf. Aua, Schmerz! Welchen Fuß wo hin setzen? Aua! Hab ich gerade in eine Schlange gegriffen? Nein, war was anderes Schleimiges. Egal, weiter!

Bald überholt uns auch die zweite Wandergruppe, dessen Guide – sportlich wie sie alle sind – ständig die halbe Strecke vor und wieder zurück huscht, um mir hier und da seine Hand zu reichen, ein Pläuschchen mit Claudia einzulegen, oder um sicherzustellen, dass wir den richtigen Weg finden. Dann düst er wieder nach vorne, um seiner Gruppe den Weg zu zeigen. Dies im ständigen Wechsel. Beeindruckend! 

Ich möchte an dieser Stelle noch mal erwähnen, dass viele andere Teilnehmer (auch geübte Wanderer) bestätigt haben, wie herausfordernd diese Wanderung ist! Ständig muss man über krumme, breite Wurzeln und Äste klettern oder unter ihnen hindurch kriechen, genau eruieren, welchen Fuß man wo hin setzt, bei riesigen Schlammpfützen geschickt von Wurzel zu Wurzel springen, um nicht im Schlamm einzusickern. Das ist ein bisschen so wie in einem Super Mario Jump-and-Run-Spiel. Nur dass wir nicht mehrere Leben haben und auch keine Goldmünzen sammeln. Im Gegenteil. Ich BEZAHLE auch noch für diese Strapazen! Also wenn ich keine kaputten Schuhe hätte, und meine Beinmuskeln auch gnädig mit mir wären, dann könnte diese Wanderung eigentlich Spaß machen!

 

Endspurt: Hängebrücke, Froschteich, Wasserfall

Na, jedenfalls komme ich doch tatsächlich ohne gebrochene Knochen, jedoch etwas verspätet aus diesem Vulkanwald heraus, stolpere wackeligen Fußes und sichtlich erschöpft auf die bereits wartenden zwei Gruppen drauf zu und bekomme dafür auch noch Applaus! DAS ist mir jetzt wieder peinlich! 

Die Gruppen haben längst ihre zweite Pause eingelegt und bereitgestellten Apfelsaft ausgetrunken, da geht es auch gleich schon weiter im Programm. Uuuuuaaaah, ich kann nicht mehr! Aber ich bin zu neugierig und ehrgeizig, um jetzt einfach hier abzubrechen. Geht auch gar nicht, da weit und breit kein Auto. Also humpele ich Ihnen hinterher, immerhin jetzt einen ebenen Weg entlang, über eine Hängebrücke zum Froschteich, mit Abstecher zu einem Wasserfall und dem Vulkanmuseum. Mein ungeduldig erwartetes Ziel sind nur noch die Natural Hot Springs und dazu der verdammte Schnaps, der uns versprochen wurde! Alles andere ist mir gerade nicht so wichtig.

 

Außerdem regnet es jetzt und meine blöde neue Kamera stellt die tollen Rotaugenlaubfrösche in der Dunkelheit einfach nicht scharf! So ein Mist! Unser Guide Ema hängt sich Mission-Impossible-mäßig fast kopfüber an das Geländer überm Teich, um mit seiner Taschenlampe für uns (leider vergeblich) einen „Blue Jeans Frog“ zu finden. Die werden so genannt, weil ihr ganzer Körper knallrot ist und ihre blauen Beine dabei wie Bluejeans wirken. In Deutschland nennt man sie Erdbeerfröschchen. Diese niedlichen aber giftigen Winzlinge werden maximal 22 Millimeter „groß“. Nachdem jeder sein Foto von den Rotaugenlaubfröschen geschossen hat, geht’s weiter. Per Bus zu den Hot Springs. Yeah!!!!

 

Der Klügere kippt nach

Es ist jetzt ca. 18:30 Uhr und ich habe mich noch NIE so sehr darüber gefreut, meine Schuhe ausziehen zu können!! Diese Dinger machen echt was mit. Ich genieße das einstündige Bad in der angenehm warmen Thermalquelle, reibe mir, wie auch alle anderen Mit-Wanderer, das Gesicht mit Vulkanschlamm (wer’s glaubt …) ein, und kippe zufrieden den süßen Cacique Guaro hinunter. Puh, was haben wir uns das jetzt verdient! 

Da lasse ich mir auch gerne ein mal nachschenken. Abgesehen von den Touristenmassen, die sich hier in der Quelle ansammeln, ist es richtig romantisch. Ganz ohne künstliche Beleuchtung, da es ja eine natürliche Thermalquelle ist. Lediglich ein paar Kerzen wurden an kleinen Felsvorsprüngen aufgestellt, die das satte Grün, das uns umgibt, mit ihrem tanzenden Licht verzaubern. Ab und zu trifft uns der flüchtige Schein einer Taschenlampe, den hauptsächlich zwei Asiatinnen dazu nutzen, um sich von allen denkbaren Perspektiven aus mit den verschiedensten Gesichtsausdrücken selbst zu fotografieren. 

Ein abenteuerlicher Tag geht zu Ende.

Ich freue mich schon auf eine gründliche Dusche und aufs Beinehochlegen. Cerro Chato, es war nett, Dich kennen gelernt zu haben, aber ich bezwinge Dich so schnell nicht wieder. Und bei meiner nächsten Wanderung werde ich mich definitiv genauer über die Gegebenheiten informieren! 

Pura Vida!

 

MEHR Costa Rica

Nicht alle Etappen von dem Costa-Rica-Teil der Weltreise sind so dramatisch.

2 Kommentare zu “La Fortuna: O Sohle mio – was für ein Vulkan

  1. stephanie thonet

    ich fand’s genial beschrieben, den tag! unterhaltsam, informativ und witzig! man konnte sich total in die schmerzliche situation hineinfühlen!!

    well done alexia!!

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